Wo die Fische fliegen. In Gugging sind letzte Woche die „Naiven“ eingezogen – mit Fisch, Frosch und viel Fantasie.

Von Michaela Fleck. Erstellt am 17. Februar 2021 (03:55)
„Ein guter Fang“ heißt Josip Generalićs Hinterglas-Ölbild aus 1975. Josips 1992 verstorbener Vater Ivan gilt als „erster“ unter den naiven Malern aus dem damaligen Jugoslawien.
NÖN / Fleck

„Zuerst war da der Tschirtner. Der war ganz asketisch. Jetzt haben wir da was ganz Opulentes.“ Sagt der Museumsleiter. Und hat da, im ersten Stock seines Museumshauses am Gugginger Kulturhügel, gerade neue „Bewohner“ begrüßt. Ivan und Josip heißen die, Mijo und Ilija, Sava und Nada, Camille und Emile, ein Fritz ist auch dabei. Kommen aus Ex-Jugoslawien, Frankreich, Deutschland – und Klosterneuburg-Weidling. Und gehören mit ihren Werken zu einer der größten privaten Sammlungen des Landes, der von Musiker, Mäzen und Saiten-Hersteller Peter Infeld.

In den 1960ern war dieser in ein kroatisches Dorf gereist, hatte gesehen, „wie die Menschen dort ihre Kühe melken und gleichzeitig einen feinen Pinsel schwingen“, so Infeld, und die ersten „naiven“ Bilder gekauft. 61 Jahre später wird in der Familie Infeld noch immer gesammelt. Und die Sammlung hat längst die 10.000er-Marke überschritten.

„Bei den Naiven gibt’s nicht nur die heile, sondern auch die brutale Welt.“ Museumsleiter und Ausstellungskurator Johann Feilacher über seine frisch eröffnete Sonderschau „naiv.?“

Gut 120 davon sind seit vergangenem Mittwoch in Gugging zu sehen, dort, wo man „die Sammlung gut kennt“, immer wieder Werke daraus gezeigt hat und auch einen Gugginger auf der Künstlerliste der Infelds stehen hat: Fritz Opitz.

Dessen liebevoll verzierte „Lebensregeln“ hängen da neben Zirkusathleten und Froschkönigen, Stieren im Frack und Schweinen mit Zylinder im Gang, während sich einen Raum weiter Fabeltiere, Bootsmänner, Opernbesucher und Kopfbewohner treffen.

Davor, zum Auftakt der Schau, die Museumsleiter Johann Feilacher gemeinsam mit Sammlungsleiterin Yordanka Weiß kuratiert hat, lässt ein Dompteur seine stolzen Vögel fliegen, feiert ein ganzes Dorf mit Masken (!) und Tüchern „Fastnacht“ und fährt der Tod als Zugbegleiter mit. Ein paar Wände weiter baden „Grazien“ mit blauen Haaren, roter Haut und lila Handtüchern im Fluss, stieren braue Pferdeköpfe durch die Dunkelheit und machen gestiefelte Fasane mitten in der Winterlandschaft Musik.

Prall und bunt, fantastisch und fast schon surreal, morbid und makaber sind diese „Naiven“, und von einfach oder gar einfältig so weit entfernt wie die Art brut von „brutal“. Erst recht, wenn da etwa Ilija Bašičević Bosiljs „Spaziergänger“ mit Hut und Stock und Hund und Schirm durch die Wolken spazieren, während sich Mato Generalićs „Bauernpaar“ mit Krug und Kopftuch auf seinem Holzstück zusammenkauert.

Warum man denn die „Naiven“ gerade jetzt in Gugging zeigt? „Um die Geister wieder zu beleben“, lacht Johann Feilacher.

„naiv.? – naive kunst aus der sammlung infeld“, zu sehen bis5. September, Museum Gugging, www.gugging.at