Michael Roher: Der Bilderträumer und Worteturner. Michael Roher, Badener Autor, Illustrator und frisch gebackener Nöstlinger-Preisträger, im Gespräch.

Von Michaela Fleck. Erstellt am 14. April 2021 (03:49)
„Wer sagt, dass Elefanten nicht fliegen können?“: Michael Roher.
Michael Roher

NÖN: Gerade ist Ihnen der erste Nöstlinger-Preis für Kinder- und Jugendliteratur zugesprochen worden. Verliehen wird er im Mai. Ist das eine Freude? Ehre? Ein Geschenk?

Michael Roher: Diese Auszeichnung ist schon etwas sehr Besonderes und definitiv eine Riesen-Ehre.

Christine Nöstlinger, nach der der mit 10.000 Euro dotierte und künftig jährlich vergebene Preis benannt ist, war nie eine „kindische“ Kinderbuchautorin. Immer aber eine freche, widerspenstige – genauso wie ihre Figuren. Passt das auch für Sie und Ihre Figuren?

Roher: Ich habe das Gefühl, Nöstlinger hat es geschafft, Kinder und ihre Welt mit allen großen und kleinen Themen auf eine ganz selbstverständliche Art ernst zu nehmen und darüber in ehrlicher und oft humorvoller – oder, wie Sie es nennen, „frecher“ – Weise zu erzählen. Damit ist sie mir sicher auch Vorbild in meiner künstlerischen Arbeit.

Elefanten, Luftballons und Löwenzahn gibt’s jedenfalls in Christine Nöstlingers Büchern auch. Auch wenn da sonst mehr Alltag als Zirkus ist. Bei Ihnen dagegen gibt’s auch Alltag. Aber (fast) noch mehr Zirkus. Ist die Welt im Zelt noch heiler? Reicher? Bunter?

Roher: Es ist dieses Schwebende, Fantastische, dieser Raum, in dem plötzlich alles möglich scheint, der mich am Zirkus so fasziniert. Beim Illustrieren oder Schreiben ist es im Grunde ähnlich. Wer sagt, dass Elefanten nicht fliegen können? Man muss ihnen doch nur Flügel malen [lacht]!

Eine von vielen fantastischen Illustrationen von Michael Roher: das „Prinzregentenpferdchen“ aus „Ein Nilpferd steckt im Leuchtturm fest“, erschienen 2018 bei Mixtvision.
Michael Roher

Kann man von Artisten und Tieren was fürs Alltagsleben lernen? Kann man vom Zirkus was für Krisen lernen? Und was hat ein Autor mit einem Zirkusdirektor gemein?

Roher: Da fällt mir als erstes der Zusammenhalt ein. Ich unterrichte seit vielen Jahren in einem Kinder- und Jugendzirkus. Und das Besondere dabei ist, zu sehen, wie alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer in der Gruppe ihren Platz finden können. Bei einer gemeinsamen Vorstellung zum Beispiel geht es nicht darum, wer die besten Salti springt oder in der Pyramide oben ist, sondern um das große Ganze, um die Gemeinschaft. Dieses Miteinander ist etwas, das ich gerne öfter in unserer Welt sehen würde.

Stichwort: Autor. Sie schreiben ja nicht nur, Sie zeichnen auch. Oder umgekehrt? Was war zuerst? Was kommt zuerst, bevor am Ende ein Buch herauskommt? Und ist das Wort wichtiger als das Bild?

Roher: Fast immer entsteht zuerst der Text und danach erst die Bilder. Natürlich sind die beiden Ebenen, gerade wenn man selbst schreibt, manchmal stark miteinander verschränkt. Und oft habe ich bereits während des Schreibens Ideen, wie das Bild dazu aussehen könnte. Diese Ideen wiederum beeinflussen mitunter wieder den Schreibprozess. Diese Wechselwirkung finde ich sehr spannend. Beide Ebenen haben für mich gleich viel Wichtigkeit und erzählen die Geschichte gemeinsam.

Gemacht sind Ihre Bücher – wenn man sie in Schubladen stecken würde – für Kinder und Jugendliche. Da gibt’s Gute-Nacht-Gedichte und Klima-Heldinnen, Fransen-Friseure und Frosch-Detektivinnen, Erinnerungs-Sammler und Liebes-Sucherinnen. Und jede Menge Tiere und jede Menge (starke) Mädchen gibt’s auch. Fehlt da noch wer? Und schreibt und zeichnet es sich für „kleine“ Leser und „junge“ Augen anders?

Roher: Ob da noch jemand fehlt? Ganz sicher. Denn die Welt ist bunt und vielfältig, und ich habe noch viele Ideen im Kopf, die ich gerne umsetzen möchte. Die Kategorisierungen in Kinder-, Jugend- und Erwachsenenliteratur finde ich in gewisser Weise zwar nachvollziehbar, aber vielen Büchern wird diese enge Einteilung nicht gerecht. Ich selbst bin mittlerweile vierzig und lese mit großer Begeisterung Kinder- und Jugendliteratur – und das nicht nur berufsbedingt!

Was kommt als Nächstes?

Roher: Im vergangenen Jahr ist ein Kinderroman entstanden, der im Herbst bei Jungbrunnen erscheinen soll. Und mit Elisabeth Steinkellner gemeinsam arbeite ich an einem Bilderbuchprojekt, das im Tyrolia-Verlag erscheinen wird.