Wird der Kulturherbst kalt und teuer? Theater rüsten sich

Erstellt am 29. August 2022 | 08:53
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Theater Theatersaal Publikum Symbolbild
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Wie werden sich Energiekrise und Teuerungswelle auf den österreichischen Kulturbetrieb auswirken? Lassen sich die Mehrkosten schon beziffern? Welche Szenarien für Gegenmaßnahmen gibt es? Diese Fragen stellte die APA vor Beginn der Saison den Direktionen einiger großer Institutionen.

Fazit: Die Budgetlage ist überall sehr eng. Nachhaltigkeit ein großes Thema. Schließtage sind noch nicht angedacht, doch kühler könnte es werden. Im Folgenden die Statements ausgewählter Theater.

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LANDESTHEATER NIEDERÖSTERREICH:

"Wir beschäftigen uns seit mehreren Jahren intensiv mit dem Thema Nachhaltigkeit und in diesem Zusammenhang auch mit den Möglichkeiten zu Einsparungen. Dadurch waren wir in gewisser Weise auf die aktuelle Situation vorbereitet.

Unsere Vorhaben, die auch Einsparungen mit sich bringen finden sich im Nachhaltigkeitskonzept des Landestheaters Niederösterreich.

Konkret haben wir bislang folgende Maßnahmen umgesetzt:

•Umstieg auf LED Beleuchtung im gesamten Haus und weitgehender Umstieg auf LED im Bereich der Bühne

•Isolierung der Heizungsrohre der Fernwärme, Wärmerückgewinnungssystem in der Theaterwerkstatt

•Energiegewinnung durch Photovoltaikanlage auf dem Dach der Bühnenbildwerkstatt

•Umstieg auf eine Hackschnitzelheitzung in der Bühnenbildwerkstatt

•Effizienzsteigerung im Verbrauch von Büropapier

•aktive Reduktion der Papiermenge und der Farbdrucke

•Modulare Anzeige für Stücktitel am Theaterportal statt Banner

•Vermeidung der Verwendung von Plastik in allen Bereichen

•Umrüstung auf umweltschonendere Reinigungsmittel

•das ausschließliche Verwenden von Papier mit Umweltzeichen oder 100% Recyclingpapier sowohl auf internen sowie externen Drucksorten

•Online Tickets

•Umstellung auf umweltfreundlichere Give-Aways

•Vorrangige Kommunikation einer klimafreundlichen Anreise

Zudem haben wir mit Beginn dieser Spielzeit die Kartenpreise, die wir seit nunmehr vier Jahren nicht erhöht haben, angepasst und sind in der teuersten Kategorie in Repertoirevorstellung von 42 Euro auf 45 Euro gegangen.

Wir behalten die Situation natürlich sehr genau im Auge, aktuell gehen wir davon aus, dass sich die Energiekrise und Teuerungswelle in dieser Spielzeit nicht auf den Spielplan auswirken wird und wir alle Vorhaben umsetzen können. Inwiefern das gelingt, hängt von der Dauer der Krise ab, aber auch von der weiteren Entwicklung der Corona Pandemie und dem daraus resultieren Publikumsinteresse, das zurzeit unseren Erwartungen und auch den Erfahrungen aus den Spielzeiten vor Corona im Großen und Ganzen entspricht."

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BUNDESTHEATER-HOLDING (Christian Kircher, Geschäftsführer):

"Die angespannte Lage am Energiemarkt trifft - so wie alle Veranstalter - natürlich auch die österreichischen Bundestheater. Bei unverändertem Energieverbrauch rechnen wir aus heutiger Sicht mit Mehrkosten von knapp unter zwei Mio. Euro für den gesamten Konzern. Die Bundestheater konnten in den vergangenen vier Jahren durch aktives Energiemanagement den Energieverbrauch um 20 Prozent reduzieren. Aktuell werden zum Beispiel auf den Dächern des Burgtheaters und der Volksoper Wien, der Dekorationswerkstätten und des Dekorationslagers Fotovoltaikanlagen errichtet.

Die aktuelle Situation verlangt nun weitere Maßnahmen, die in den kommenden Monaten umzusetzen sein werden. Ein Maßnahmenkatalog wurde von der Bundestheater-Holding ausgearbeitet, die Umsetzung der Maßnahmen wird in den kommenden Tagen mit den Geschäftsführungen der Gesellschaften und dem Eigentümerressort besprochen. Vorerst nicht angedacht ist die Einführung von Schließtagen, weil diese Maßnahme auf Grund der komplexen Dienstpläne weitreichende personelle und organisatorische Konsequenzen hätte und auch dem kulturpolitischen Auftrag widersprechen würde."

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VOLKSOPER:

"Eine Fotovoltaikanlage ist bereits beauftragt und wird in den nächsten Monaten installiert. Sie bringt eine Einsparung von 25 Prozent.

20 Prozent Einsparung hat die Volksoper in den letzten sechs Jahren durch die Umstellung der gesamten Bühnenbeleuchtung auf LED erzielt.

Die Umstellung der Volksoper Wien auf Elektromobilität ist in Umsetzung. Alle eigenen Fahrzeuge werden spätestens im Herbst 22 auf Elektromobilität umgestellt.

Durch die Kostenschwankungen bei den Energiepreisen ist eine Prognose schwierig, aber wir rechnen mit einer Verdoppelung der Kosten (vor zusätzlichen Einsparungen).

Eine Reduktion der Raumtemperatur für den Winter ist geplant."

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VOLKSTHEATER WIEN (Cay Urbanek. kaufmännischer Direktor):

"Die Auswirkungen der aktuellen Kostensteigerung sind noch unklar. Viele Verträge sind für unsere Partner bis Ende 2022 bindend. Wir erwarten aber schmerzhafte Preiserhöhungen noch im Laufe des Herbsts. Dabei spielen die Energiekosten direkt nur eine untergeordnete Rolle, aber Bühnenbilder, Material und technische Dienstleistungen werden teurer bzw. zukünftig nur mehr mit Preisgleitungsklauseln angeboten. Die stärkste Auswirkung wird der Lohnabschluss haben: Gut 75 Prozent unserer Kosten sind Personalkosten und unterliegen den kollektivvertraglichen Vereinbarungen. Vereinfacht kostet jeder Prozentpunkt mehr beim Lohnabschluss 100.000 Euro mehr. Wenn jetzt sechs bis sieben Prozent im Raum stehen, heißt das Mehrkosten von 600.000 bis 700.000 Euro in 2023. Etwas, das im Plan nicht in voller Höhe berücksichtigt werden konnte. Da werden die Fördergeber mit zusätzlichen Mitteln unterstützen müssen, sonst müssen wir Personal abbauen."

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THEATER IN DER JOSEFSTADT (Christiane Huemer-Strobele, Direktorin Marketing, Medien und Vertrieb):

"Das Theater in der Josefstadt & Kammerspiele hat gemeinsam mit der Wirtschaftsberatungsfirma BDO bereits im Frühjahr 2022 - schon bevor die Energiepreisexplosion und die Inflation sich derart brisant entwickelten - einen strikten Sparkurs erarbeitet, der auch eine große strukturelle Veränderung für unsere beiden Theater mit sich bringt. Zahlreiche der empfohlenen Maßnahmen wurden bereits umgesetzt. So gibt es ab dieser Saison keine Doppelvorstellungen mehr und kaum Sonderveranstaltungen an den Wochenenden. Da der Vorstellungsbetrieb die meisten Energiekosten verursacht (Licht, Ton, Klima, Effekte) sind davon auch Einsparungen im Energiebereich zu erwarten. Während der BDO-Überprüfung wurden sämtliche Budgets aller Abteilungen (Technik, Kunst, Vertrieb etc.) gekürzt.

Anlässlich der Energiekrise sind nun nochmals sämtliche Abteilungen aufgerufen, Einsparungsvorschläge zu machen. In meiner Abteilung werden wir zum Beispiel großflächig auf digitalen Versand von Rechnungen, Tickets, Aboausweisen etc. setzen und damit die gestiegenen Portokosten und die rasant gestiegen Druckkosten versuchen einzufangen, auch der Vorschlag einer zweimonatigen Spielplanbroschüre wird gerade geprüft. Natürlich wird die notwendige Sensibilisierung aller MitarbeiterInnen für die Themen Energieverbrauch und Einsparungsmöglichkeiten kommuniziert. Im Probenbetrieb werden die Scheinwerfer reduziert. Fassadenbeleuchtungsdauer wird reduziert, die Laufdauer von Werbe-Screens verkürzt.

Zudem erfolgt die Energieverbrauchsermittlung derzeit in einem gemeinsamen Projekt in Zusammenarbeit mit der TU Wien, die Überprüfung der Kühlung, im Theatervorstellungsbetrieb der "größere Kostenfaktor", sowie Heizung durch eine externe Firma. Da kann man durchaus noch minimalevasiv etwas einsparen.

Als Fernwärmebezieher exorbitant von steigenden Energiepreisen betroffen, wurden wir zudem initiativ und ließen die Möglichkeit der Nutzung der vielen Flachdächer der Theater für Solarstromerzeugung von Fachleuten überprüfen. Das endgültige Ergebnis liegt noch nicht vor, es ist aber angeklungen, dass die Flachdächer auf den denkmalgeschützten Räumen (z. B. Sträußelsäle), die in Leichtbauweise errichtet wurden, ohne größere Investitionen nicht tragfähig genug sind. Vieles, wo man im Energiebereich sparen könnte, braucht aber zuerst wieder Investitionen, zum Beispiel die technische Umrüstungen zur Minderung des Energieverbrauchs bei der Regelungstechnik, oder auch der Austausch von Halogen- gegen LED-Beleuchtung, da sind nämlich in unserem Falle neue Leitungen zu legen, und das bedeutet stemmen, bauen... - dazu haben wir uns noch nicht entschlossen."

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BÜHNEN GRAZ (Bernhard Rinner, Geschäftsführer):

"Die Künstlerinnen und Künstler der Bühnen Graz erschaffen unersetzbare Live-Emotionen für den "einen" Moment. Genau damit initiieren sie eine inhaltliche Auseinandersetzung unseres Publikums mit den großen, wiederkehrenden und vor allem auch aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen. Klima- und Energiekrise oder Teuerungswellen werden dahingehend gleichermaßen berücksichtigt wie etwa Krieg und Versöhnung.

Neben diesem wertvollen Beitrag im Rahmen der Kommunikation steht unsere gesamte Organisation in ihren Abläufen vor der Herausforderung, den aktuellen Krisen zu begegnen. Auf die Teuerungswelle und das aktuelle Inflationsgeschehen konnte mit dem Setzen gezielter Managementmaßnahmen budgetär reagiert werden, wodurch diese Teuerungen nur zum Teil an unsere Kundinnen und Kunden weitergegeben werden müssen. Tickets für Wochenendvorstellungen werden künftig beispielsweise etwas teurer als für Termine unter der Woche. Wichtig war und bleibt für uns, dass sozial stark Benachteiligte mit dem Kulturpass der Aktion "Hunger auf Kunst und Kultur" die Möglichkeit von kostenlosen Vorstellungsbesuchen in unseren Häusern haben.

All unsere Maßnahmen sind insgesamt von Nachhaltigkeit geprägt. Einzelne Projekte wie "Das grüne Theater" im Schauspielhaus Graz, die Opernredoute als Green Event und die Ökoprofit-Maßnahmen unserer Theaterservicegesellschaft in den vergangenen Jahren waren lediglich ein erster Vorstoß.

Konkrete Maßnahmen wie Fassadenbegrünung, Kreislaufwirtschaft, Recycling, Einsatz von Fotovoltaikanlagen, Absenkung von Heizungen, intelligente Temperaturregelungen, verkürzte Lieferketten, Einsatz energieeffizienter Leuchtmittel (LED), Verzicht auf unnötige Reise- und Transportkosten, Energiesparen insgesamt, u.v.m. werden bei den Bühnen Graz konsequent ausgeweitet und in all unseren Häusern umgesetzt.

Unser Ziel besteht darin, konzernweit im Einklang mit der Umwelt zu handeln. Dieser Fokus auf Nachhaltigkeit hat gleichzeitig zahlreiche positive Effekte auf die Klima- und Energiekrise."

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LANDESTHEATER LINZ:

"Wir erheben seit dem Frühjahr laufend die Situation und haben im Budget 22/23 erhöhte Energiekosten von rund 300.000 Euro einkalkuliert. Diese Zahl wurde von unserem Facility Management in Zusammenarbeit mit den Lieferanten auf Basis unserer teils langfristigen Verträge errechnet.

Diese Kosten werden 22/23 vorerst aus Reserven der TOG (OÖ Theater und Orchester GmbH) bedeckt; es gibt keine zusätzlichen Mittel der öffentlichen Hand dafür.

Wir haben in dieser Woche erste Maßnahmen für den Herbst beschlossen, im Falle einer Energieknappheit zu reagieren - etwa durch Verzicht auf nächtliche Fassadenbeleuchtung. Hier sind weitere Maßnahmen in Vorbereitung. Welche konkret, hängt auch von (haus)technischen Möglichkeiten der Umsetzung ab."

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LIVA - Linzer Veranstaltungsgesellschaft mbH (Dietmar Kerschbaum, Künstlerischer Vorstandsdirektor und Brucknerhaus-Intendant):

"Natürlich ist auch die LIVA von der Teuerungswelle betroffen, allein schon, wenn man an die stark gestiegenen Energiekosten denkt. Dass die hohe Inflation das Publikumsverhalten beeinflusst, könnte ich nach aktuellem Stand aber nicht behaupten, im Gegenteil: Am 4. September beginnt das Internationale Brucknerfest Linz 2022, die Veranstaltungen sind sehr gut gebucht, für einige gibt es sogar schon Wartelisten, weil der Andrang des Publikums enorm ist.

Die Mehrkosten lassen sich noch nicht seriöserweise beziffern. Die Dynamik der Preisentwicklung ist aktuell sehr stark, niemand weiß, wie sich die Sache kurz- oder mittelfristig entwickeln wird. Wir fahren gewissermaßen auf Sicht und wissen nicht, wann der Nebel sich lichtet.

Wir werden sicher nicht die Anzahl an Veranstaltungen zurückfahren. Wir planen langfristig und sind unseren Künstler*innen im Wort. Diese hatten unter der Corona-Pandemie schon schwer genug zu leiden. Sie brauchen Perspektiven und Planungssicherheit, um ihren Beruf auch weiterhin ausüben zu können. Aber natürlich ist die aktuelle Situation auch für uns ein Thema und wir werden unser Möglichstes tun, einen entsprechenden Beitrag zu leisten. Die Effektbeleuchtung haben wir bereits reduziert, derzeit arbeiten wir daran, wie wir an jenen Tagen, an denen es ohnehin keine Veranstaltungen gibt, zusätzlich Energie einsparen können."

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(Redaktionelle Hinweise: A V I S O - Am 26.8. hat die APA die Antworten von Museums-Direktionen versendet.)