Gewitterwolken über dem Balkan. Der Blick zurück.

Erstellt am 25. Dezember 2013 (10:00)
NOEN, Archiv
Entspannung auf der Kutsche: Der Thronfolger mit Gattin, der Fürstin von Hohenberg, geb. Gräfin Chotek. Foto: Archiv
Wirtschaftlicher Aufschwung. In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg ist die Monarchie ein prosperierender Staat, der sogar einen Budgetüberschuss erwirtschaftet. Aber wirklich gut geht es nur einem kleinen Teil der Bevölkerung. Einen enormen Aufschwung macht die Industrie, das Gewerbe profitiert von den günstigen Krediten der Stadtsparkassen, die Landwirtschaft von der Gründung der Raiffeisen-Darlehenskassen und der Lagerhausgenossenschaften. Die Bauern sind nicht mehr der Willkür der Großhändler ausgeliefert. Trotzdem gibt es noch viel Armut in den Städten und Provinzen. Ein Großteil der Menschen lebt in ärmlichen Wohnungen und kleinen Häusern, ist froh, wenn es genug zu essen gibt und man sich im Winter eine warme Stube leisten kann.

Mährischer Ausgleich. Sorgen bereitet Kaiser Franz Joseph das Ringen der Nationen um mehr Unabhängigkeit. Im Jahr 1905 bekommt die Grafschaft Mähren weitgehende Autonomie. Die Tschechen erhalten analog zu ihrem Bevölkerungsanteil 70 Mandate im Landtag zugeteilt, die Deutschen bekommen 40 Sitze. Diese Regelung ist auch im Sinne des Thronfolgers. Zu seinem Freundeskreis zählt u. a. der Publizist Aurel Popovici, der im Jahr 1906 ein Buch unter dem Titel „Die Vereinigten Staaten von Österreich“ herausbringt, in dem dieser die Umwandlung der Habsburger Monarchie in einen Bundesstaat vorschlägt (erst lange nach dem Ende der Monarchie wurde die Idee eines übernationalen Bindegliedes auf europäischer Ebene durch die EU verwirklicht).

Thronfolger gegen „Kraftstücke“. 1908 kündigt Österreich-Ungarn die Annexion (Einverleibung) Bosniens und der Herzegowina an, die noch zum Osmanischen Reich gehört. Die Türken lassen sich u. a. durch die Zahlung von 56 Millionen Kronen besänftigen. Protest legen die Großmächte und vor allem die Serben ein. Sie fürchten, das nächste „Opfer“ zu sein. „Aber wir haben bereits mobilisiert und werden den letzten Blutstropfen vergießen, um unser Land zu retten.“ Der Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand warnte „gegen alle Kraftstücke“ auf dem Balkan und vor der Annexion vergeblich. So als habe er geahnt, dass er 1914 bei einer Inspektion in Sarajewo das Opfer eines serbischen Attentäters werden würde.

Hans Ströbitzer

Jahre der Zeitenwende vor dem Ersten Weltkrieg, Folge 7.

Die Serie wird 2014 fortgesetzt. Übernächste Woche: Der Staatsvertragskanzler.