„Die Sehnsucht nach der Mitte“. Ein neuer Rekord – 50.000 Besucher im zehnten Sommer. Landeshauptmann Erwin Pröll über Erfolge und Pläne.

Von Thomas Jorda. Erstellt am 06. September 2016 (07:02)
NOEN, Erich Marschik
Liebt besonders Beethovens Neunte, Schuberts Unvollendete und will nicht mehr Klavier spielen lernen: Landeshauptmann Erwin Pröll (rechts) im NÖN-Interview mit Thomas Jorda.

NÖN: Das Musik-Festival, das am Sonntag zu Ende geht, ist zum Erfolgsmodell geworden. Der Sieg hat viele Väter. Wo reihen Sie sich ein?
Pröll: Ich habe die Kulturpolitik zu verantworten. Und die nehme ich sehr ernst. Mir war immer klar, dass mit Grafenegg eine riesige Chance vorhanden ist, die wir nutzen sollten. Meine Aufgabe war und ist es, die Grundlagen und Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass sich das Künstlerische optimal entwickeln kann.

Können Sie an drei Punkten den Erfolg festmachen?
Das liegt zuerst am herausragenden Ambiente, das große Strahlkraft entwickelt, die unglaubliche Harmonie von Natur, Kultur und Architektur. Dann ist es uns gelungen, Spitzenkultur für eine breite Öffentlichkeit zugänglich und leistbar zu machen. Und schließlich die entsprechende Vernetzung – Rudolf Buchbinder, der künstlerische Leiter, hat seine internationalen Verbindungen optimal genutzt.

Haben Sie immer an den Erfolg geglaubt?
Das wäre vermessen zu sagen. Am Anfang hat es keine Sicherheit gegeben. Wir wurden auch mit sehr viel Kritik bedacht. Ich habe gehofft, dass Grafenegg in zehn Jahren zu einem etablierten Kulturstandort wird, der nicht nur in Niederösterreich akzeptiert wird, sondern auch über die Grenzen hinaus ausstrahlen kann. Dass wir jetzt so verwurzelt sind und einen so exzellenten internationalen Ruf genießen, habe ich nicht zu träumen gewagt.

Wann wussten Sie: Es ist geschafft?
Nach vier, fünf Jahren. Da brauchten wir vom Programm her national und international keinen Vergleich mehr zu scheuen und hatten mit dem einzigartigen Ambiente eine Basis geschaffen, die auch in Zukunft tragfähig bleibt.

Zu Beginn hatten die Sommertheater Angst vor der Konkurrenz. Haben sich die Gemüter beruhigt?
Inzwischen schon. Denn mit Grafenegg bewegen wir uns musikalisch auf einer Ebene, wo eine mögliche Konkurrenzsituation nicht vorhanden ist.

Der Erfolg eines neuen Festivals wie Grafenegg lässt glauben, dass es Publikum ohne Ende gibt. Ist dem so?
Je materialistischer und futuristischer unsere Welt wird, um so interessanter wird künstlerische Kreativität. Der Mensch hat Sehnsucht nach der Mitte, in der Musik und in der Politik. Deshalb wird das Publikum immer breiter. Das hat die Chancen für Grafenegg eröffnet.

Das Land subventioniert das Festival heuer mit 3,9 Millionen Euro. Wird man sich auf dem Niveau weiter bewegen?
Wir werden dem Festival weiter budgetär unter die Arme greifen. Aber Geld ist nur ein Erfolgsfaktor. Da gibt es andere, die viel tonangebender sind.

Viele sagen, dass Grafenegg mit Ihnen steht und fällt. Sehen Sie das auch so?
Das Baby, das vor zehn Jahren geboren wurde, ist inzwischen eigenständig genug, um auch ohne mich weiter in die Zukunft gehen zu können. Das braucht natürlich politischen Rückhalt, aber das liegt aber nicht an einer Person.

Wie schaut die Zukunft aus?
Wir dürfen uns nicht auf den Erfolgen ausruhen und selbstgefällig werden. Wir wollen in Zukunft drei Schritte setzen, die alle auf mehr Internationalisierung abzielen. Wir werden Grafenegg zu dauernden Heimstätte des Europäischen Jugendorchesters entwickeln. Dann wollen wir Grafenegg zu einem Campus machen, einer Ausbildungsstätte für junge Künstlerinnen und Künstler. Schließlich planen wir eine intensivere Zusammenarbeit mit internationalen Festivals und Orchestern, um diesen europäischen Standort zu stärken – und die europolitische Situation und das Potenzial Niederösterreichs.