Wo die wilden Märchen wohnen. In Oberndorf hausen Hänsel, Gretel & Co. im Bücherwald von Kinderbuchillustratorin Renate Habinger.

Von Michaela Fleck. Erstellt am 16. Oktober 2018 (02:28)
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Die Uhr der „sieben Geißlein“, das Cape von „Rotkäppchen“ und das Hexenhaus von „Hänsel & Gretel“: Renate Habingers Märchenwald ist jeden Samstag ab 14 Uhr geöffnet.
Kinderbuchhaus

„Die sind schon wild.“ Sagt Renate Habinger. „Da kommt vom Branntwein bis zum Mord alles vor.“ Wobei: Ganz so wild geht es bei Niederösterreichs bekanntester Kinderbuchgestalterin dann doch nicht zu. Statt Branntwein gibt’s Apfelstrudel, statt Mord gibt’s Wasserfarbenblut. Und dazwischen gibt’s ganz viele Märchen.

Zwischen „200 und 300“ hat die gebürtige St. Pöltnerin für ihre Geburtstags-Ausstellung zusammengetragen. Ganz teure, ganz seltene, ganz exotische und ganz bekannte, vom Flohmarkt und aus Antiquariaten und, zuerst einmal, aus eigenen Beständen.

Kinderbuchhaus vor fünf Jahren eröffnet

„Das ist ja auch mein Haus“, meint Renate Habinger. Und hat hier, hinter holzgestreifter Fassade und feuerroter Tür direkt an der Dorfstraße von Oberndorf im Melktal, vor fünf Jahren ihr Kinderbuchhaus eröffnet. Das ist kein Museum, und das will keine Bibliothek sein. Obwohl es inzwischen „wahrscheinlich 3.000 Bücher“ beherbergt. Die sind aber nicht zum Ausborgen da. Die sind zum Lesen da, die sind zum Vorlesen da, die sind zum Schauen, zum Staunen, zum Nachspielen und zum Weiterspinnen da.

Rabe, Kopftuch und Kochtopf: Renate Habingers Hexenmädchen auf dem Weg in die Hexenküche im Schneiderhäusl in Oberndorf an der Melk.
Renate Habinger

Wie das hölzerne Spinnrad, das unterm Fenster auf kleine Füße und neue Wolle wartet. Und gleich daneben, am Schreibtisch, mit Stiften im Kasten, Bildern an der Wand und Sätzen im Glas auch auf frisch gesponnene Geschichten wartet.

Dornröschen ist aber nur eines von „circa 30“ Märchen, die da gerade in der mittlerweile vierten Ausstellung im ersten Stock des Oberndorfer Schneiderhäusls („das ist der Hausname, der war schon vor mir da“) eingezogen sind. Die anderen verstecken sich „im Märchenwald“ – so der Titel der Geburtstagsschau, die Renate Habinger gemeinsam mit ihrem zehnköpfigen Team selbst gebaut hat – zwischen zimmerhohen Pappkarton-Tannen, in winzigen Häuschen, in denen unterm Dach sieben Fliegen (die vom „tapferen Schneiderlein“) flattern, in nostalgischen Schuhregalen (von „Aschenputtel“), zwischen dicht behängten Kleiderhaken (mit „des Kaisers neuen Kleidern“) oder in der Hexenküche, wo unter Fledermausflügeln und Froschfüßchen Farbtöpfe vor sich ihn köcheln.

Dazwischen sitzen Märchenbücher auf den Ästen, baumeln Originaltexte von 1812 („da muss man beim Vorlesen dann manchmal improvisieren“) von den Wipfeln und laden Höhlen, Ecken, Nischen, Türchen zum Entdecken. „Wir machen“, sagt Renate Habinger über ihren gemeinnützigen Verein, „Ausstellungen über Bücher“. Und die sind vor allem „zum Mitmachen“.