Kreiskys Rückzieher und der Geheimplan. Der Blick zurück

Erstellt am 11. September 2013 (12:00)
NOEN, ROBERT JAEGER (APA)
Kreisky (Bild) und Golda Meir: eine heftige Aussprache im Kanzleramt. Fotos: APA/R. Jäger, Harry Dempster APA3366701-2 - 04012011 - WIEN - ?STERREICH: ZU APA-TEXT II - Der ehemalige SP?-Bundeskanzler Bruno Kreisky (22.11.1911 - 29.07.1990) w?re am 22. J?nner 2011 100 Jahre alt geworden. Im Bild Bruno Kreisky w?hrend einer Ehrendoktorat-Verleihung der Universit?t Wien am 14.03.1988. APA-FOTO: ROBERT JAEGER
Die Geiselnahme (2). Vor 40 Jahren, am 28. September 1973, wurde Österreich durch einen Terrorüberfall bewaffneter Palästinenser auf einen Zug mit jüdischen Emigranten aus der Sowjetunion bei Marchegg schockiert. Sie nehmen vier Geiseln, drei Juden und einen Zollwachebeamten. Darauf verlangen sie auf den Flughafen Wien-Schwechat gebracht zu werden, fordern die Auflösung des Transitlagers Schönau und ein Fluchtflugzeug – ansonsten würden sie sich mit den Geiseln in die Luft sprengen. Kanzler Kreisky beruft eine Krisensitzung ein. Es beginnen Verhandlungen mit den Terroristen, die sich mit den Geiseln am Flughafen Schwechat befinden. Als Vermittler fungieren Botschafter aus arabischen Ländern.

Schelte für Kreisky. Über Radio und Fernsehen verkündet der Kanzler mit stockender Stimme: Um das Leben der Geiseln zu retten und weil Österreich für die Sicherheit der jüdischen Emigranten nicht mehr garantieren könne, sehe man sich gezwungen, Schönau zu schließen. Die Erklärung Kreisky wird in Israel mit Empörung, in den USA und anderen Ländern mit Befremden aufgenommen. Als die arabischen Botschafter die Terroristen informieren, verlangen sie in ein arabisches Land ausgeflogen zu werden und lassen die Geiseln frei. Aber kein Pilot will den Auftrag übernehmen. Am 29. September melden sich zwei Grazer Piloten und Familienväter, die die Terroristen mit ihrem Kleinflugzeug nach Tunis bringen. Als sie zurückkehren, werden sie wie Helden gefeiert.

Das „Hintertürl“. Am 2. Oktober landet Israels Ministerpräsidentin Golda Meir in Wien, um in einem Vier-Augen-Gespräch mit Kreisky, diesen zur Weiterführung des Transitlagers Schönau zu bewegen. Der Bundeskanzler erläutert daraufhin sehr bestimmt die Gründe der Bundesregierung, denn auch ohne den Terroranschlag wäre Österreich nicht in der Lage gewesen, die Sicherheit Schönaus weiter zu gewährleisten. Daraufhin fliegt Golda Meir, ohne auch nur einen Kaffee zu trinken, zornig nach Israel zurück. Am 5. Oktober wird Schönau geschlossen. Doch unbeachtet von der Weltöffentlichkeit wird dafür am 13. November die Rot-Kreuz-Station Wöllersdorf eröffnet und weiterhin kommen zumeist in kleinen Gruppen jüdische Auswanderer via Österreich nach Israel.

Hans Ströbitzer