Menschenschicksale im Großen Krieg XIV. Aus unserer Serie "Der Blick zurück".

Erstellt am 09. Juli 2014 (09:01)
NOEN, London, Imperial War Museum
Florence Farmborough, 1916: „Nähnadeln gibt’s keine, dafür Stöckelschuhe im Überfluss.“ Foto: London, Imperial War Museum

Für das Gastgeberland. Florence Farmborough wurde 1887 in Großbritannien geboren. 1908 ging sie ins damals russische Kiew, um als Gouvernante zuarbeiten. 1910 übersiedelte sie nach Moskau und wurde Hauslehrerin in der Familie eines Arztes. Sie wollte sich im Krieg für Russland, ihr Gastgeberland, engagieren. Jener Moskauer Arzt, für dessen Kinder sie als Hauslehrerin tätig war, verhalf ihr zu einer Stelle als Kriegskrankenschwester. So gelangte sie im Sommer 1915 mit den russischen Truppen an die galizische Front.

Segen der Mutter. Religiöse Bräuche spielten in der russischen Gastfamilie von Florence Farmborough eine wichtige Rolle: „Bevor ich abfuhr, bat mich Anna Iwanowna, meine russische ,Mutter‘, vor ihr auf die Knie zu gehen. Sie nahm eine kleine Kette aus ihrer Tasche und legte sie mir um den Hals. Dann segnete sie mich, küsste mich dreimal ,Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes‘ und sprach: ,Gott sei mit dir!‘. Ich war nun auch ein Soldat, der in den Krieg zog, denn so machten es russische Mütter mit ihren Söhnen, die Soldaten wurden.“

Verdächtiges Deutsch. Anfang Juni 1916 begannen die Russen an der Ostfront mit einem Großangriff. In nur drei Tagen verlor Österreich-Ungarn 200.000 Soldaten. Florence Farmborough arbeitet in einem Lazarett in Ostgalizien. „Viele Verwundete kamen an – Russen und Österreicher. Ich war beeindruckt von der stoischen Haltung der Letzteren. Wenige von ihnen schrien laut auf, ab und zu entkam ihnen ein leises, keuchendes Stöhnen. Ich sprach mit ihnen Deutsch; am selben Abend tadelte mich ein Vorgesetzter: ,Bleiben Sie bei der russischen Sprache‘, sagte er. ,Lassen Sie die Gefangenen nicht glauben, sie seien hier willkommen! Wenn es nach mir ginge, hätten die eine Kugel im Kopf statt eines Verbands rundherum!‘“

Der Zar dankt ab. Schon Anfang 1917 schrieb Farmborough in ihrem Tagebuch über Versorgungskrisen und die Wut der Bevölkerung. Von den Folgen war sie dennoch überrascht. „Der Zar hat abgedankt! War es freiwillig? Oder unfreiwillig? Darauf kommt es kaum an; worauf es ankommt, ist, dass Russland, das mächtige Reich, nun ohne Herrscher ist; ohne die erhabene Figur eines Romanowkaisers, der das Staatsschiff durch die turbulenten Gewässer des Krieges führt. Wir sind alle wie betäubt von solch noch nie da gewesenem Umstand.“

Wieder zurück. 1918 ging Florence zurück. Sie arbeitete als Sprachlehrerin und Reporterin, auch in Spanien und Jamaica, und starb 1978 in England.

Thomas Jorda/Florian Müller

Quelle: Ausstellung JUBEL & ELEND. Leben mit dem Großen Krieg 1914-1918“, Schallaburg.

Nächste Woche: Anton Hasenöhrl und der Christbaum an der Front.