Marie-Theres Stickler: „Musik war immer im Raum". Die umtriebige Akkordeonistin MARIE-THERES STICKLER ist heuer sowohl beim AKKORDEON FESTIVAL als auch beim Festival WEAN HEAN engagiert. Im Gespräch mit Jürgen Plank erzählte sie, wieso das Akkordeon zu 100 Prozent ihr Instrument ist, warum sie das Wienerlied berührt und welche Verbindung sie zwischen dem Wienerlied und den Hipstern des 21. Jahrhunderts sieht.

Von NÖN Redaktion. Erstellt am 09. April 2019 (15:40)
Daliah Spiegel

Wie haben Sie das Akkordeon für sich entdeckt?

Marie-Theres Stickler: Aus weiter Ferne betrachtet – ich spiele jetzt doch schon seit mehr als zwanzig Jahren – kann ich sagen, dass es Schicksal war. Ich habe im Alter von fünf Jahren mit dem Akkordeon begonnen. Mein Beginn war sehr ungezwungen, ich bin in keine Musikschule gegangen, sondern habe einfach gespielt und meine ersten Lehrmeister im Wirtshaus gehabt, beim Musikanten-Stammtisch und bei Harmonika-Treffen. Es war ein spielerisches Lernen, man ist getragen und durch die Musik geführt worden.

Wie lange ging das so?

Marie-Theres Stickler: So waren meine ersten sechs oder sieben Jahre mit diesem Instrument. Erst mit 13 Jahren habe ich meinen ersten Lehrer bekommen. Ich bin aber ganz glücklich über diese Entwicklung, weil es eine freie, ungezwungene Zeit war, die ich in bester Erinnerung habe.

Warum ist das Akkordeon zu 100 Prozent Ihr Instrument, wie man auf Ihrer Webseite lesen kann?

Marie-Theres Stickler: Ich habe nie darüber nachgedacht, dass das Akkordeon eigentlich kein Mädcheninstrument ist. Dass es eigentlich ein Instrument ist, das von Männern dominiert wird, in Bands spielen meistens Männer das Akkordeon. Aber beim Akkordeon Festival merkt man auch, dass es viele Frauen gibt, die Akkordeon spielen. Wenn man es so lange spielt wie ich, fühlt es sich so an, als wäre das Akkordeon mit einem verwachsen. Wenn ich das Akkordeon vor mir habe, ist es schon fast ein Teil von mir.

Stickler Koschelu (c) Archiv Band

Stammen Sie aus einer von Musik geprägten Familie?

Marie-Theres Stickler: Ich komme aus keiner Musikerfamilie, aber die Musik hat immer einen hohen Stellenwert bei uns gehabt. Meine Mutter war immer interessiert, hat Gitarre gespielt und hat mit mir begonnen, Harmonika zu lernen. Meine Großmutter, die eine gebürtige Wienerin ist, hat nebenbei beim Kochen immer Wienerlieder gesungen. Musik war immer im Raum, das hat sicherlich meine Entwicklung gefördert.

„IRGENDWIE HABE ICH DIE THEORIE, DASS ICH VOR CIRCA 150 BIS 200 JAHREN EIN FIAKERSÄNGER IN WIEN WAR […]“

Ist das schon die Verknüpfung zum Wienerlied, mit dem Sie sich ja auch beschäftigen?

Marie-Theres Stickler: Ich würde sagen: Das ist eine Verknüpfung. Irgendwie habe ich die Theorie, dass ich vor circa 150 bis 200 Jahren ein Fiakersänger in Wien war, weil diese Musik eine Leidenschaft von mir ist und mich sehr berührt. Es könnte doch sein, dass ich damals schon einmal hier war, das ist eine Theorie. Die Verbindung zu meiner Großmutter bringt eben durchaus eine nostalgische Komponente mit sich. Gleichzeitig ist es natürlich so, dass ich mit der Harmonika aus der Volksmusik komme, das ist die Musik, die man am Anfang damit spielt. Das ist fast unumgänglich. Wenn man der alpenländischen Volksmusik ein paar Erweiterungen – ein paar Moll-Nebenstufen und ein paar chromatische Läufe – hinzufügt, ist man relativ schnell bei der Wiener Musik. So war es eine homogene Entwicklung, dass ich irgendwann zur Wiener Musik gekommen bin. Das ist einfach passiert.

Sie stammen aus Niederösterreich, inwiefern hat dies zu Ihrer Beschäftigung mit dem Wienerlied beigetragen?

Marie-Theres Stickler: Ich stamme aus dem Schneeberg-Gebiet und es hat immer einen regen Austausch zwischen Wien und dieser Region gegeben, über fahrende Händler etwa. Im Schneeberg-Gebiet gibt es eine schöne Sing-Tradition, das dreistimmige Singen, man sagt auch „Dudeln“ zum Jodeln. Und das ist mit Wien sehr verwandt. Bei mir zu Hause gibt es eine dreistimmige Fassung von „Matzleinsdorf, mein Heimatort“. Es ist komplett absurd, das dort zu singen.

„ICH BIN GRUNDSÄTZLICH HARMONIKASPIELERIN, ALSO INSTRUMENTALISTIN, ABER ICH LIEBE ES ZU SINGEN.“

Was ist das Berührende am Wienerlied? Der Text oder die Harmonien oder die Kombination beider Elemente?

Marie-Theres Stickler: Es ist definitiv beides. Ich könnte es jetzt gar nicht bewerten. Ich bin grundsätzlich Harmonikaspielerin, also Instrumentalistin, aber ich liebe es zu singen. Gerade durch das Singen von Wienerliedern – das mache ich mehrmals im Monat mit dem wunderbaren Kontragitarristen Rudi Koschelu beim Heurigen – merke ich, wie berührend die Texte sind. Manchmal sind das Schmalz und der Kitsch kaum auszuhalten, aber meistens sind es schöne Metaphern und Bilder. Besonders bei den älteren Wienerliedern.

„‚GIGERLN‘ IST EIGENTLICH EIN ALTER AUSDRUCK FÜR DIE HIPSTER […]“

Welche Verbindung zur heutigen Zeit besteht dennoch?

Marie-Theres Stickler: Natürlich wirken manche Texte, die eine alte Sprache verwenden, etwas verstaubt und antiquiert. Manchmal merkt man aber sofort, dass ein Lied komplett zeitgemäß ist. So ist etwa das Lied „Die Klagenfurter“ ein Lied über den Generationenkonflikt. Darin regen sich die Älteren darüber auf, dass früher alles besser gewesen ist. Und über die Jugend, die Gigerln: wie die ausschauen! „Gigerln“ ist eigentlich ein alter Ausdruck für die Hipster – das ist also komplett zeitgemäß, das wird nie unpassend sein. Darüber hinaus steckt hinter dem Wienerlied sprachlich sehr viel Blues, viel Alltagspoesie. Neuere Kompositionen von den Strottern, vom Kollegium Kalksburg, von Roland Neuwirth und Karl Hodina sind, was das Lebensgefühl betrifft, sehr bluesig. Und so sind wir in der Gegenwart angekommen, und das ist mir wichtig.

Im Rahmen von Wean Hean 2019 werden Sie am 23. Mai gemeinsam mit drei Kolleginnen den Abend „Ich hab den Himmel in der Näh’“ gestalten. Was wird es da zu hören geben?

Marie-Theres Stickler: Es wird ein wunderschöner Abend. Wir vier – Traude Holzer, Marie Stippich, Johanna Kugler und ich – freuen uns, gemeinsam auf einer Bühne zu sein. Wir werden alles spielen, was wir gerne mögen. Das wird eine Zeitreise von alten Wienerliedern bis hin zu neuen Kompositionen.

„MEINE LIEBLINGSZEIT IM JAHR IST DAS AKKORDEON FESTIVAL, DAS IST SCHON SEIT MEINER KINDHEIT SO.“

Sie sind heuer nicht nur beim Festival Wean Hean engagiert, sondern waren auch beim Akkordeon Festival dabei und auf der Frontseite des Programmheftes zu sehen. Wie wichtig sind solche Festivals?

Marie-Theres Stickler: Solche Festivals sind immens wichtig, fast ein Lebenselixier, würde ich sagen. Wien ist diesbezüglich großartig, es gibt so viele Möglichkeiten und viele spannende Festivals. Meine Lieblingszeit im Jahr ist das Akkordeon Festival, das ist schon seit meiner Kindheit so. Wean Hean ist auch jedes Jahr ein Regenbogen an spannenden, schönen Sachen. Für Wien und auch für die Besucherinnen und Besucher der Stadt ist es ein Geschenk, dass es das alles gibt.

Haben Sie einen musikalischen Wunschtraum, den Sie sich in Zukunft erfüllen möchten?

Marie-Theres Stickler: Ich habe nie ganz klare Ziele und weiß nicht, ob das gut oder schlecht ist. Es kommt immer alles auf mich zu. Ich kann nur einen allgemeinen Wunsch nennen, nämlich dass ich noch viel mehr in der Musik sein möchte. Ich möchte mich noch viel freier in der Musik bewegen. Aktuell spiele ich viele verschiedene Stile. Ein Wunschtraum ist, dass es nicht bei diesen verschiedenen Stilen bleibt, also dass ich einmal in dieses Alt-Wiener-Gewand schlüpfe und beim Heurigen spiele und dann ins zeitgenössische Gewand schlüpfe und mit Alma auf der Bühne stehe. Es ist mein Ziel, dass das alles eins und meine musikalische Welt wird.

In Kooperation mit mica – music austria