Sophie Abraham im Interview. Covid-19 lässt den Festivalsommer 2020 versiegen. Der Großteil der Clubs und Konzerträume hat trotz voranschreitenden Lockerungen geschlossen. Konzerte sind derzeit vorwiegend – wenn überhaupt – im digitalen Raum zu finden. Neben den großen Pop- und Jazz-Festivals, wurden zahlreiche internationale Touren und Gigs abgesagt, Release-Termine verschoben. Wie Österreichs Musikschaffende mit der Situation umgehen, was sie beschäftigt und wie sie ihre Zeit verbringen, erfragen wir in der Serie „Corona Notizen”.

Von Redaktion noen.at. Erstellt am 02. Juli 2020 (14:11)
Julia Wesely

Wo bist du gerade?

Sophie Abraham: Genau dort, wo ich aus der Perspektive der Durch-Corona-Zuhause-Angebundenen das Paradies wieder entdeckt habe: zu Hause in unserer Wohngemeinschaft Brot Pressbaum.

Wo wärst du gern?

Sophie Abraham: Genau hier ist der richtige Ort für mich, für uns. Wir haben eine kleine Tochter, das wäre wahrscheinlich sehr mühsam gewesen in der Stadt.

Wie stark bist du von Konzertausfällen betroffen?

Sophie Abraham: Nach meinem Gefühl sehr stark: einige Festivaleröffnungen, CD-Release-Konzerte (radio.string.quartet & Roland Neuwirth: “Erd”), CD-Release-Tour, Solo-Auftritte bei Festivals, und und und….

Wie gehst du mit der Situation um?

Sophie Abraham: Das Beste draus machen und die Zeit nutzen, um auch mal auszuruhen. Meine Mutter ist knapp vor dem Corona Lockdown gestorben. Ich habe die Zeit gebraucht, um zu trauern – eine wichtige Arbeit, die auch viel Zeit braucht. Kreativ war ich anfangs dafür leider nur wenig. Das kommt jetzt wieder und mit voller Wucht. Auch die Freude am Gemeinsam-Musizieren ist stärker als je zuvor. Durch eine gewisse Dankbarkeit, glaube ich. Wir haben mit dem radio.string.quartet am 6.06 im Porgy&Bess gespielt und sogar mit Publikum! Darauf habe ich mich wahnsinnig gefreut.

Hast du die Zeit bislang genutzt, um Musik zu machen?

Sophie Abraham: Eben nur teilweise. Anfangs war ich wie im Schock. Da war ich mehr im (Wiener) Wald als sonst wo. Jetzt läuft’s dafür wieder voll an. Es gibt viele Projekte: radio.string.quartet, mit Julia Lacherstorfer für ihr Solo-Programm “Spinnerin”, Solo-Aufnahmen zu meinem Programm “Brothers”, Filmmusik für das Tanzprojekt “My Body (My) Rules”, Proben und Aufnahme in der Albertina mit Matthias Schorn, Christoph Gigler und dem radio.string.quartet für Gerd Hermann Ortlers “Passion” zu Bildern von G. Helnwein, und und und..

Wie geht es dir mit der Probensituation?

Sophie Abraham: Wir proben mit dem gewohnten Abstand. Als Cellistin brauch ich eh meinen Platz! Eigentlich ganz normal, wie immer, ehrlich gesagt. Ich spiele nur in kleinen Ensembles, wo der Abstand von einem Meter ganz normal ist. Die etwas ‘abständlicheren’ Begrüßungen sind immer noch etwas ungewohnt, aber dafür musizieren wir in echt. Das ist viel wert.

Hättest du einen Release geplant, der entweder in den letzten Monaten erschienen wäre oder in den nächsten Monaten erscheinen wird?  

Sophie Abraham: Wir hatten den Release vom Album “Erd'” im Wiener Konzerthaus geplant, eine Zusammenarbeit von meinem radio.string.quartet mit dem Wienerlied Komponist und Sänger Roland Neuwirth. “Erd'” ist der erste Teil der Quadrologie des radio.string.quartets – “Erd'”, “Feuer”, “Wasser”, “Luft”.

Viele Konzerte sind auf’s nächste Jahr verschoben. Veröffentlichen werden wir “Erd'” aber doch schon jetzt im Juni. Der 19. Juni ist unser offizieller Veröffentlichungstermin!

Das Album-Release-Konzert wird Ende August oder Anfang September, vermutlich im großen Saal des Konzerthauses stattfinden, aber wie alles in Zeiten von Corona, ist auch das noch nicht fix.

Sophie Abraham (c) Julia Wesely

Sophie Abraham (c) Julia Wesely

Wie bewertest du Live-Streams?

Sophie Abraham: Wir haben bis jetzt ein Live-Stream-Konzert mit Thomas Gansch bei Gansch@Home gespielt. Das war sehr schön für uns. Allerdings ist uns das Publikums und deren Energie unglaublich abgegangen. Ich glaube, dass wir in Zukunft die Technologien des Live-Streamings (mit pay as you wish oder gegen einen fixen, kleinen Beitrag) nutzen sollten, um Live-Konzerte für ein größeres Publikum zu erschließen. Jedoch ist auch für die Zuhörer*innen zuhause ein Publikum im Saal wichtig. Jedenfalls sehe ich einen großen Unterschied zwischen Online-Konzerten mit und ohne Live-Publikum: ohne ist echt hart.

Hast du Lust ein Online-Konzert zu spielen? Unter welchen Voraussetzungen?

Sophie Abraham: Wenn – so wie letzten Samstag – auch Live-Publikum kommen darf, spiele ich sehr gerne diese kombinierten Live-Online Konzerte.

Welche Musik hörst du zurzeit? 

Sophie Abraham: Klassik: S. Prokoffiev, C. Saint-Saëns, … aber auch Anne Meridith, von der wir am Samstag auch ein Streichquartett-Arrangement gespielt haben.

Niederländische Nikolo-Lieder….eher zwangsbeglückt..

Wie ist deine Perspektive für die Zukunft? 

Sophie Abraham: In naher Zukunft hoffe ich sehr auf einen ‘Konzertherbst’, wo kleinere Konzerte – mit bis zu 500 Leuten – relativ normal gespielt werden dürfen. Und auf lange Sicht hoffe ich auf eine Impfung für uns alle. Eine Kombination von Live und Online ist gut, den Musikbetrieb allerdings ausschließlich in die digitale Sphäre zu verschieben, ist für uns Musiker*innen eine Katastrophe. Ich glaube, der finanzielle Verlust ließe sich ja durch eine Lebensumstellung irgendwie bändigen, aber die psychischen Verluste durch die Abwesenheit von Konzerten sind mindestens ebenso schwer zu ertragen. Konzerte zu spielen bringt mir eine Lebensenergie, die ich erst mühsam woanders suchen müsste.

Was wird sich verändern?

Sophie Abraham: Ich hoffe generell, dass der (Billig-)Flugverkehr neu überdacht wird. Reisen muss ökologischer werden, d.h. wir brauchen mehr Zeit fürs Reisen, vielleicht überhaupt mehr Zeit für alles. Das wäre auch ein Wunsch: dass wir wieder langsamer werden. Ich glaube das bringt jedem und jeder mehr Qualität. Wenn die Wirtschaft nun auch noch ein System fände, welches auch auf Qualität und nicht nur auf Wachstum setzt, wären meine größten Wünsche erfüllt!

Sophie Abraham (c) Julia Wesely

Sophie Abraham (c) Julia Wesely

Ist es dir wichtig, mit deinen „Fans“ verbunden zu bleiben in dieser Zeit?

Sophie Abraham: Ja schon. Allerdings finde ich, dass Pausen auch gut sind und ich rechne ein bissl damit, dass die Musikindustrie nach einer gewissen Zeit auch wieder Hochfahren darf.

Wie bewertest du die Rolle von Social Media?  

Sophie Abraham: Ich bin leider sehr lax was Social Media betrifft. Da gibt es Musiker*innen, die diese Medien mit einer gewissen Natürlichkeit sehr gut beherrschen. Ich spreche  mit Menschen immer noch am liebsten persönlich, über ‘echte’ Themen. Social Media hat für mich einen großen Wert, was Öffentlichkeitsarbeit betrifft, aber einen sehr geringen Wert, was mein Sozialleben betrifft.

Was bräuchte es jetzt? Welche konkreten Hilfestellungen wären nötig?

Sophie Abraham: Für uns Musiker*innen, Künstler*innen, Freiberufler*innen, wäre es sehr wichtig, gesehen zu werden. Ein Ministerium für Kunst&Kultur sollte in der Politik genauso verankert werden, wie das Sportministerium. Wir brauchen in der Politik Leute, die sich für uns stark machen, die uns sehen. Es wäre fein, unsere Arbeit mit der der Angestellten gleichzusetzen und uns ebenso 80% des Durchschnittsverdienstes zukommen zu lassen. Da viele Freiberufler*innen sich mit kleinen Angestelltenverhältnissen absichern (z.B. Unterricht), fallen genau diese bei vielen Fonds durch den Rost , erleiden aber hohe Verluste.

In Kooperation mit mica – music austria

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