100 Jahre, 99 Songs. Musik-Anthologie von Wolfgang Kos macht große Lust auf alte Musik.

Von Otmar Lahodynsky. Erstellt am 09. Januar 2018 (00:41)
APA/Pfarrhofer
Wolfgang Kos, Hüter der Populär-Musik.

Das 20. Jahrhundert an Hand von 99 wegweisenden Songs darzustellen, ist ein ehrgeiziges Projekt. Wolfgang Kos, geboren in Mödling, Historiker, Musikjournalist und einst Direktor des Wien-Museums, hat es zum Glück gewagt. Er spannt den Bogen von der Operetten-Arie

„Ich bin eine anständige Frau“ aus der „Lustigen Witwe“ von Franz Lehár – einer der ersten Gassenhauer aus dem Jahr 1905 – bis zum senegalesischen Weltmusik-Vertreter Youssou N’Dour mit dem Song „Birima“ aus dem Jahr 1999. Dazwischen beschreibt Kos ausgewählte Musikstücke, ausschließlich Songs, keine Alben. Sie alle machten Musikgeschichte. Mit „Strange Fruit“ hat Billie Holiday 1939 die Lynchjustiz an Afroamerikanern eindringlich angeprangert. Zur selben Zeit erscheint „Lili Marleen“, der „Hit des Zweiten Weltkriegs“ (Kos), der auch in den USA durch Marlene Dietrich zum Schlager wurde.

1938 haben Hermann Leopoldi und Fritz Löhner-Beda mit dem Buchenwald-Lied das KZ-Grauen der NS-Zeit dokumentiert. Die Auswahl von 1945 bis 1960 reicht vom Existenzialisten-Hauer „Les feuilles mortes“ von Jacques Prévert bis zum Bossa-Nova-Hit „Desafinado“ von Antonio Carlos Jobim und Newton Mendonca, die sich vom Samba emanzipiert hatten.

Wild: die Sechziger und die Siebziger

Edith Piafs trotzige Ode „Non je ne regrette rien“ leitet die Sechziger ein: Bob Dylan wird mit der Wende-Hymne „The Times They are a Changin‘“ gewürdigt, dazu noch „My Generation“ von den Who, Leonard Cohens Lied über seine unangepasste Muse „Suzanne“, James Browns Kampfansage an die weiße Herrschaft „Say it loud – I’m black and I’m proud“, der Italo-Ohrwurm „Azzuro“ von Paolo Conte und das Beziehungsdrama „Me and Bobby McGee“, mit der Kris Kristofferson Janis Joplin ein Denkmal setzte.

zVg
Wolfgang Kos, „99 Songs.Eine Geschichte des 20. Jahrhunderts“, 320 Seiten, Verlag Brandstätter, € 39,90.

Die Siebzigerjahre eröffnet Joni Mitchell mit dem ersten Umweltsong „Big Yellow Taxi“, die Sex Pistols stehen mit „Anarchy in the UK“ für die freche Punk-Bewegung. John Lennon hat mit „Imagine“ ein ungewollt religiöses Lied geschrieben, die Village People schufen mit „YMCA“ nicht nur einen Disco-Hit, sondern auch ein Coming-Out für die Homo-Szene.

Den Abschluss für die Achtziger- und Neunzigerjahre bilden unter anderen Peter Gabriels Lied für Steve Biko, Falcos „Der Kommissar“, Madonna mit „Like a Prayer“, Bob Dylans „Mississippi“. Deutsche Song writer sind mit Wolf Biermanns „Ermutigung“, Nenas „99 Luftballons“, Udo Lindenbergs „Sonderzug nach Pankow, „Männer“ von Herbert Grönemeyer und „Trans Europa Express“ von Kraftwerk vertreten.

Manche werden Songs von den Doors, Frank Sinatra; Bob Marley oder Melina Mercouri vermissen; aber die Auswahl eines solchen dominanten Kanons bleibt wohl immer subjektiv …