Hannes Raffaseder: "Ich bin von der Magie der Musik überzeugt"

Erstellt am 03. August 2022 | 04:43
Lesezeit: 5 Min
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Ist mit seiner jüngsten "Sinfonietta" am 5. August zur Eröffnung des Chopin Festivals in der Kartause Gaming zu Gast: Hannes Raffaseder.
Foto: Maria Frodl
Komponist, Musiker, Sounddesigner und Hochschulmanager an der FH St. Pölten Hannes Raffaseder sprach mit Michaela Fleck über große Kraft, kleine Pausen und das „Jetzt oder Nie“.
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NÖN: Diesen Freitag feiern Sie Ihre jüngste Uraufführung, und zwar beim 38. Chopin Festival in der Kartause Gaming. Was gibt’s denn da zu hören?

Hannes Raffaseder: Am Programm steht mein neues Orchesterwerk „Sinfonietta Nr. 2 – tempora mutantur“, das von der Camerata Mozartiana unter Daniel Auner interpretiert wird.

Sinfonietta klingt ja mehr nach Kammermusik, „tempora mutantur“, also: „Die Zeiten ändern sich“, dagegen nach großen Themen. Wie fasst man die in Töne? Und stecken da auch Krieg und Pandemie zwischen den Notenzeilen?

Raffaseder: Die Zeiten der großen Sinfonien und Opern ist (scheinbar?) vorbei. Manche meinen, die klassische Musik stecke überhaupt in einer Existenzkrise. Als unverbesserlicher Optimist bin ich aber nach wie vor von der Kraft und Magie dieser Musik überzeugt und daher froh, wenigstens eine „kleine“ Sinfonie komponieren zu können. 

Das Chopin Festival nimmt heuer auch Bezug auf 100 Jahre Niederösterreich und möchte ein Zeichen für Völkerverständigung, Frieden und Freiheit setzen. Selbstverständlich versuche ich, indirekt darauf Bezug zu nehmen. Es sind aber nicht unbedingt die ganz großen Themen, denen wir zu wenig Aufmerksamkeit schenken, sondern die kleinen Gesten, die Pausen, das leise Verklingende…

Am Eröffnungsprogramm des Festivals steht vor Ihnen Schubert, nach Ihnen Beethoven – und natürlich Chopin. Wie passen die zu Hannes Raffaseder?

Raffaseder: Ich möchte mich keinesfalls mit diesen großen Meistern vergleichen. Aber es ehrt mich sehr, zwischen diesen Komponisten am Programm zu stehen. Ich habe in meinen Anfängen als Komponist sehr viel experimentiert, elektronische Klänge eingesetzt, multimediale Projekte mit anderen Künstlerinnen und Künstlern realisiert. Seit einigen Jahren interessieren mich aber die traditionellen Besetzungen deutlich mehr. Ich versuche ganz bewusst, an der großen klassischen Musiktradition anzuknüpfen und sie aus meiner Perspektive neu zu interpretieren.

Theodor Kanitzer, der das Chopin Festival in Gaming seit so vielen Jahren mit großer Hingabe und hohem persönlichen Einsatz leitet, und Daniel Auner, der Dirigent des Eröffnungskonzerts, nehmen mit der Auswahl der Werke auf „100 Jahre Niederösterreich“ Bezug, da fast alle Komponisten einen Bezug zu Niederösterreich haben und Teile der Werke in Niederösterreich entstanden. 

Der Kontext kann auch die Wahrnehmung von Musik verändern. So lassen sich vielleicht sogar Schubert und Beethoven aus einer neuen Perspektive hören, wenn vorher oder nachher ein zeitgenössischer Stück erklingt. 

Konzertiert wird in der Kartausenkirche. Wie klingt die? Und wie wichtig ist der Ort für Ihre Musik, die schon von Wien bis St. Petersburg zu hören war?

Raffaseder: Die Kartausenkirche ist ein ganz spezieller Ort mit einer großen Ausstrahlung. Wer sich darauf einlässt, wird dort auch die Stille anders erleben. Ich hatte schon vor ein paar Jahren das Glück, dass mein Klavierkonzert dort aufgeführt wurde. Der Klang ist sehr kompakt und voll, der Nachhall – wie in fast allen Kirchen – recht lange. Ich habe versucht, mir diese akustischen Eigenschaften zunutze zu machen. Ich bin überzeugt, dass elektronische Musik in Kirchenräumen große Wirkung entfalten können, auch wenn ich das bei meiner neuen Komposition nicht einsetze. 

Durch die Verbindung von Raum, Zeit und Klang, Musiker(inne)n und Publikum kann für den kurzen Moment der Aufführung etwas Unwiederbringliches entstehen, das „jetzt oder nie“ gehört und erlebt werden will… 

Komponiert haben Sie auch für Duo bis Septett, für Marimbaphon und Altsaxofon, für Stimme(n) und Tonbänder – und zwar „Ohrwürmer“ und „Bettlerlieder“, Tangos und Sketches, „Short Stories“ und „Regentropfen“. Welcher Klang interessiert Sie am meisten? Und was macht der Titel mit der Musik (oder umgekehrt)?

Raffaseder: Nicht nur als Komponist, sondern auch als Sounddesigner, Forscher und Lehrender beschäftige mich schon mehr als drei Jahrzehnte intensiv mit Musik, Klanggestaltung, den vielen Facetten der akustischen und audio-visuellen Wahrnehmungen sowie deren Wirkungen. Ich bin immer neugierig, probiere Vieles aus, lerne aus Fehlern. Da entstehen fast zwangsläufig viele unterschiedliche Kompositionen. 

Bei den Titeln ist es manchmal „outside-in“ manchmal „inside-out“ und manchmal ein bisschen von beiden. Allerdings tue ich mir seit einiger Zeit immer schwerer damit und verwende immer öfter klassische Bezeichnungen, wie eben „Sinfonietta Nr. 2“, auch wenn es mit „tempora mutantur“ noch einen Untertitel gibt.

Was kommt als nächstes? 

Raffaseder: Derzeit liegt mein Tätigkeitsschwerpunkt eigentlich vor allem im Hochschulmanagement. Meine Aufgaben als Mitglied der Geschäftsführung der Fachhochschule St. Pölten und als leitender Koordinator der European University E³UDRES² lassen mir nur wenig Zeit für Musik, aber ich möchte unbedingt auch weiterhin für Orchester und auch für kammermusikalische Besetzungen komponieren. 

Geplant ist eine Veröffentlichung mit Aufnahmen meiner Werke für Streichorchester in Zusammenarbeit mit dem Wiener Concert-Verein. Wir arbeiten schon seit einiger Zeit an diesem aufwendigen Vorhaben. Ich hoffe, dass wir das in den kommenden Monaten finalisieren können.

 www.chopin.at/chopin-festival