Robert Lehrbaumer: "Ich werde keine Ruh' geben!". Robert Lehrbaumer, Pianist, Dirigent und künstlerischer Leiter in St. Pölten und in Schloss Thalheim, sprach mit Michaela Fleck über laute Briefe, treue Gäste, digitale Kanäle und kulturelle Handbremsen.

Von Michaela Fleck. Erstellt am 20. Januar 2021 (05:08)
"Ich bin verärgert, ich bin enttäuscht, aber frustriert bin ich noch nicht": Pianist, Dirigent und Intendant Robert Lehrbaumer.
Wolfgang Mayer

Gerade haben Sie schon den zweiten, offenen Brief in Sachen Kultur an Österreichs Vizekanzler geschrieben. Was steht da drin?

Robert Lehrbaumer: Im April war ich nicht der Einzige, aber eine Stimme, die mitgearbeitet hat, dass die Kultur nicht gleich bis Herbst zu bleibt. Das Erfreuliche war, dass ich damals noch am selben Tag ein sehr gutes Gespräch hatte, und dass mein Brief sogar nach Bayern und nach Berlin weitergeleitet wurde. Jetzt geht es um das Verhältnis der Kultur. Da gibt es so viele Ungereimtheiten. 

Höflich ist er schon, dieser Brief, vorsichtig dagegen nicht. Sie schreiben „Klartext“, sehen die Kultur als „Stiefkind“ und „Prügelmädchen“ und fordern die Rücknahme "unplausibler Schlechterstellungen" . Wie laut und wie wütend muss die Kultur schreien, damit sie gehört wird?

Lehrbaumer: So vehement war ich im ersten Brief nicht. Und das Schlimmste hab’ ich herausgestrichen! Aber es ist nicht einzusehen, dass wir jetzt wieder bei Null anfangen. Im Frühjahr sind viele sehr laut gewesen, Resetarits, Stermann & Grissemann, … - die gehen mir jetzt ab. Aber ich werde keine Ruh’ geben!

Eine der Maßnahmen für die Kultur, die „Eintrittstests“, hat der Nationalrat schon beschlossen. Wenn das kommt: Was hilft da?

Lehrbaumer: Ich würde jetzt mal abwarten, ob das wirklich Realität wird. Das steht und fällt auch mit der Gesamtsituation. Der Eintrittstest ist wie eine Handbremse für die Kultur!
Es ist wahnsinnig kompliziert. Und ich finde es auch problematisch.

Sie selbst hätten ja erst letzten Sonntag das traditionelle Faschingskonzert der St. Pöltner Meisterkonzerte spielen wollen. Und haben schon die Dezember-Gala absagen müssen. Was heißt das für einen Zyklus? Fürs (Abo-)Publikum?

Lehrbaumer: Wir haben ein sehr treues Publikum. Und ich war völlig überrascht, weil unser Zyklus war noch vor Weihnachten fast ausverkauft. Wir haben auch schon überlegt, Doppelkonzerte zu machen. Und da merkt man auch, wie wichtig, Kultur ist. Das berührt und das bestärkt mich auch. 

Digitale Geschichten können kein Ersatz sein. Ich habe zwar einen YouTube-Kanal eingerichtet, das hätt’ ich ohne Corona nie gemacht, aber ich werde dort sicher nicht Klavier spielen, ich weigere mich!
 

Nicht nur spielen, auch präsentieren wollten Sie noch im Jänner. Und zwar Ihr Programm als neuer künstlerischer Leiter von Schloss Thalheim. Wie wird das? Wer kommt da? Und was wird da anders als bisher?

Lehrbaumer: Ich bin gerade am Weg nach Thalheim. Meine Idee war, am 31. Jänner keine normale Pressekonferenz, sondern ein Präsentationskonzert mit Tonbeispielen und mit einer jungen Sängerin zu machen. Aber wir wissen nicht, ob uns der Lockdown das wieder kaputtmacht. Sonst machen wir eine Aufzeichnung. Das soll ja auch Werbung für die Kultur an sich sein!

In Thalheim soll es ganz andere Konzepte und einen ganz anderen Anstrich als bei den Meisterkonzert geben.

Und was kommt für Sie als nächstes?

Lehrbaumer: Es kommt so viel Nächstes, was nicht stattfindet. Ich hab' ein Konzert nach dem anderen. Und wir werden das nicht alles wieder aufholen. Wir werden alle unsere Verluste mitnehmen. 

Es ist ja eine hochdramatische Situation, es muss jeder bangen, ob er's überlebt. Ich arbeite ja auch in anderen Bundesländern. Aber ich schätze es sehr, wie Niederösterreich die Künstler unterstützt. Das ist leider nicht überall so. Das ist eine ganz vorbildliche Haltung, die gehört auch gewürdigt. Und das ist auch ein Signal und eine Motivation, weiterzukämpfen.