Erstellt am 12. Juni 2018, 01:18

von Thomas Jorda

Stefan Karner über sein Russlandbuch. Stefan Karner, Historiker und Gründungsdirektor des Hauses der Geschichte, im Gespräch mit Thomas Jorda über sein Russlandbuch.

Stefan Karner  |  BIK

NÖN: Der Buchtitel „Österreich – Russland“ klingt ein bisserl nach Fußball. Wer gewinnt?
Stefan Karner: Es gibt nur einen Sieger: den Leser. Es wurde nichts unter den Teppich gekehrt, die schmerzlichen Dinge beim Namen genannt – aber gemeinsam.

Was zum Beispiel?
Karner: Denken Sie nur an die zehn Jahre der sowjetischen Besatzung, gerade in Niederösterreich, an unsere Kriegsgefangenen in Russland und die Zwangsarbeiter bei uns, an die Verschleppungen und Übergriffe 1945, an die Spenden der Roten Armee für die Hungernden in Wien, an die aktuellen Krisen um die Ukraine und die Krim, an die vielen Industriebetriebe Niederösterreichs unter dem Sowjetstern, an Ungarn 1956 oder an Prag und Pressburg 1968. Nein, die Dinge mussten klar benannt werden. Darin liegt ja das Einzigartige des Buches. Polen und Deutschland haben es bei ebensolchen Projekten bisher nicht geschafft.

Im öffentlichen Bewusstsein hat Russland durch die Zeit nach dem Krieg keine besonderen Sympathien. Ist das ungerecht?
Karner: Was ist gerecht? Verständlich ist und war es allemal. Nun aber gilt es, daraus zu lernen, reinen Tisch zu machen. Russland hat gerade jetzt in Österreich viele Sympathien. Vielleicht die höchsten jemals.

Rücken Sie das Russland-Bild gerade?
Karner: Vielleicht nicht gerade, aber sicherlich gerader. Information, Beispiele aus der Geschichte, Wissen über Zusammenhänge beseitigen gelegentliche Ängste und Vorurteile. Gleichzeitig eröffnet man damit neue Wege und baut alte Belastungen ab.
Das Buch ist eine gemeinsame österreichisch-russische Arbeit. Gibt es in der Geschichtsschreibung Objektivität?
Karner: Eine Zwölferfrage. Natürlich kann es vollkommene Objektivität nicht geben. Die Bewertungen, die wir nach bestem Wissen und auf Basis der Dokumente vornehmen, werden immer bestimmt sein, vom persönlichen Erfahren, vom Zeitgeist, von der Gesellschaft, in der wir leben und natürlich von der historischen Erfahrung. Dennoch, wir streben danach. Mehrere Seiten zu hören, die Vielfalt an Quellen und ein Buch gemeinsam mit jenen zu schreiben, die oft andere Positionen haben, hilft einer Objektivität näher zu kommen.

Sie bezeichnen das Buch als möglichen Lernbehelf. Ist es dafür nicht zu anspruchsvoll?
Karner: Nein. Flachware gibt es schon genug.

Stefan Karner/Alexander Tschubarjan (Hrsg.), „Österreich - Russland. Stationen gemeinsamer Geschichte“ 288 Seiten, Leykam, 29,90 €.