Julia Purgina: Von Zauber und Risiko

Erstellt am 23. Oktober 2018 | 01:59
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„Musik braucht keine Erklärung. Musik ist so eine Art Geheimsprache. Das ist wie bei der Zensur: Das, was wirklich interessant ist, steht zwischen den Zeilen“: Julia Purgina, Komponistin, Bratschistin und Uni-Professorin am ehemaligen Konservatorium in der Wiener Johannesgasse.
Foto: Andrej Grilc
Die St. Pöltnerin Julia Purgina ist eine der poetischsten unter Österreichs zeit genössischen Komponistinnen. Und hat gerade ihr „riskantestes“ Werk geschrieben.
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Über Sonne und Mond hat sie schon geschrieben. Über Carmen und Koren (also: Mädchen), über Sappho und Mozart, über Sterne und Spindeln und Hunde und Mosquitos auch.

Jetzt, im jüngsten Auftragswerk einer der jüngsten und dabei renommiertesten unter Niederösterreichs noch immer rar gesäten Komponistinnen, hat die Nacht ihren Auftritt, Nyx, mit ihren Söhnen, dem Schlaf und dem Tod. „Das ist“, erzählt Julia Purgina, „eigentlich eine Geschichte über eine Familie. Und eine Geschichte über die Vergänglichkeit.“

„Akatalepsia“ heißt das rund 15-minütige Werk, das die St. Pöltnerin für Wiens wichtigstes Festival zeitgenössischer Musik geschrieben hat und das am 31. Oktober Uraufführung feiert. Mit den mit Glockenspiel, Harfe und Kontrafagott riesig besetzten Wiener Symphonikern.

"Kritisch durch die Gegenwart gehen"

„Ich habe“, meint die Komponistin, die ganz nebenbei noch ein Bratschen-Studium, eine Uni-Professur und ein fast fertiges Germanistik-Diplom in der Tasche hat, „dabei irrsinnig viel riskiert“. Nicht nur, weil sie ihre vier Geiger kurzerhand auf den Balkon im Wiener Konzerthaus gesetzt hat. Sondern auch, weil „in dem Werk irrsinnig viel passiert ist mit meiner Musik. Und ich auch meine bisherigen Methoden angezweifelt habe“. Das hätte aber auch zum Festivalthema „Sicherheit“ gepasst, denn, so Purgina: „Sicherheit endet da, wo die Zweifel beginnen.“

Es sei ja schließlich die Aufgabe der Kunst und der Künstler, „dass man kritisch durch die Gegenwart geht“ und „das aufsaugt, was gerade passiert“.

Damit daraus ein Stück, im größten Fall für Symphonieorchester wird, sei allerdings „sehr viel Schreibarbeit“ nötig. Aber: „Es macht auch sehr viel Spaß!“ Für nur ein Instrument zu komponieren, wie fürs Klavier, fürs Hackbrett oder natürlich für die Bratsche, für die Julia Purgina schon geschrieben hat, sei „unglaublich schwierig“. „Das ist wie bei einem guten Mahl. Wenn ich viele Zutaten habe, ist das viel leichter!“

"Ich muss immer eine Geschichte erzählen"

Ob sie für das Komponieren ihr Instrument brauche? „Nein“, stellt Julia Purgina klar, „aber um von der Musik leben zu können: Ja!“ Und um lehren zu können? Brauche es wie beim Lernen zuallererst „eigenes Interesse“, erklärt die 2015 bestellte Studiengangsleiterin für Saiteninstrumente. Man lerne aber auch viel durch „Ausprobieren“. Wobei ihr auch hier die „neue Musik“ ein Anliegen ist. Wo die beginnt, „ist eine Frage des Blickwinkels. Für mich ist die Musik der 1950er- und 60er-Jahre schon historisch“.

Und die Zukunft? „Ich möchte noch so viel schreiben, ein Streichquartett, eine Trauer-Ode …“ Gerade arbeitet sie an ihrer ersten Oper, die im Herbst 2019 uraufgeführt wird („da geht’s um die Ressource Wasser“), und an einem Hornkonzert für den Frühling.

„Ich muss immer eine Geschichte erzählen“, sagt Julia Purgina, „und die muss einen Zauber haben, etwas, das tiefer geht …“

„Akatalepsia“ ist am 31. Oktober im Konzerthaus & am 8. November, 19.30 Uhr, in Ö1 zu hören.