Die Orestie: Identität und Rache in Puchberg . Bei der heurigen „Kultur. Sommerfrische in Puchberg am Schneeberg“ zeigen Lukas Johne, Eva Herzig und Miriam Hie ausgewählte Szenen aus dem zweiten Teil der Orestie von Aischylos. Die Familienkonflikte verlagern sich in der modernen Version ins Innere. Was bleibt ist die Suche nach Vergebung und nach der eigenen Identität.

Von Stefanie Marek. Erstellt am 06. Juni 2021 (12:55)

Wir befinden uns in einer Zeit ohne Gesetz und Königin Klytämnestra hat gerade ihren Gatten Agamemnon ermordet, der aus dem trojanischen Krieg heimkehrte. Dass dieser die gemeinsame Tochter Iphigenie den Göttern geopfert hat, hat sie ihm nämlich nicht verziehen. An Agamemnons Grab trifft seine Tochter Elektra ihren Bruder Orestes. Der Racheplan gegen die Mutter ist schnell geschmiedet. Mord verlangt Mord. Orestes soll es tun.

An dieser Stelle der Orestie setzt das Stück ein, das Lukas Johne bei der diesjährigen „Kultur. Sommerfrische in Puchberg am Schneeberg“ präsentiert. Der erste Part spielt vor dem Musikpavillon im Kurpark. Mit ein wenig Fantasie ist der Pavillon ein Schrein, das Grab des Agamemnon vor dem Orest (Lukas Johne) und seine Schwester Elektra (Miriam Hie) knien.

Das Publikum sitzt in diesem Schrein und ist nicht ganz undankbar über die Einführung in die griechische Geschichte, die den Szenen vorangeht. Bei der alten deutschen Übersetzung aus dem griechischen von 1899 könnten ungeübte Ohren sonst etwas verwirrt sein, auch wenn die Einführung stellenweise ein wenig langatmig ist.

Gelungener Sprung ins Heute

Umso spannender ist dann der Text-Sprung, der auf die klassischen Szenen folgt, hin zu einer modernen Fassung mit Text von Lukas Johne. Dort treten ein Orestes mit Sonnenbrille und Smartphone auf und eine Elektra, die ihre Zigaretten in der Handtasche versteckt. Orestes ist nach Jahren im Ausland nach Hause gekommen.

Nicht der Gott Apollo oder das Orakel von Delphi, sondern sein Therapeut hat ihn geschickt, um sich seinen Problemen zu stellen und alte Familienkonflikte aufzuarbeiten. Im Unterschied zu seinem mordlüsternen klassischen Vorbild will er seine Eltern mit „Ruhe und Gelassenheit“ zur Rede stellen.

Elektra, die ihm sein „hedonistisches Sunnyboy-Dasein“ vorwirft, lacht ihn für dieses Vorhaben aus. Denn der Konflikt sitzt tief. Begonnen hat er, als der Vater das dritte Geschwisterkind „seiner Karriere opferte“. Die Mutter hat ihm das nie verziehen und treibt aus Rache seit Jahren seinen „inneren Tod“ voran. Die ganze Familie ist Gefangene dieses Schmerzes und Orest will ausbrechen. Doch auch er fragt im Streit mit Elektra: „Wie kommen wir dazu, die Probleme unserer Eltern zu lösen?“

Sowohl in der klassischen Version als auch in der modernen transportieren Lukas Johne und Miriam Hie bei der Premiere am Freitag, dem 4. Juni, starke Bilder von Dämonen, die auf die eine oder andere Art in jeder Familie ihr Unwesen treiben. Die „Übersetzung“ ins Moderne ist sehr gut gelungen, und zwar auch im zweiten Part des Stückes, der am 5. Juni im Innenhof der Burgruine Puchberg Premiere feierte.

Dialoge, die unter die Haut gehen

In diesem Part zieht Orest seine Mutter Klytämnestra zur Verantwortung. Vor seinem von Rache erfüllten Blick erschrickt nicht nur sie. Die Treppen der Burgmauer werden ihr zum Verhängnis. Hat sie ihren Tod selbst verschuldet, fragt Orest das Publikum und sich selbst. Eine Antwort bekommt er nicht. In der darauf folgenden modernen Fassung ermordet er seine Mutter nicht, stattdessen fragt er sie nach Vergebung für den Vater. „Vergebung ist nichts für Menschen wie mich, Menschen ohne Identität“, antwortet Klytämnestra.

Mit Sonnenbrille und einer Portion Zynismus steht Eva Herzig die Rolle der modernen Klytämnestra fast noch besser als die der klassischen. Die Spieldynamik zwischen Herzig und Johne als Mutter und Sohn ist mitreißend. Die Dialoge gehen unter die Haut, die Live-Musik und die Ruinenatmosphäre sind ein Pluspunkt im Stück, das fast ohne Requisiten und Bühnenbild auskommt. 

Ein Novum: Dieses Jahr sind das klassische und das moderne Stück bei der "Kultur. Sommerfrische" nicht voneinander getrennt, sondern entsprechen sich erstmals. "Das letzte was ich wollte, ist, eine griechische Tragödie in der Toga zu machen", sagt Initiator Lukas Johne. "Ich wollte eine Seifenopfer daraus machen und das mit aller Ernsthaftigkeit spielen und trotzdem dem alten Text Tribut zollen."

Fazit: Sehenswert! Auch wenn man sich zwei Tickets kaufen muss um beide Teile zu sehen. Gespielt wird noch den ganzen Juni. Infos zum Stück und zu den Ticketpreisen unter www.kultursommerfrische.com