Nitsch-Tage im St. Pöltner Dom. Gesamtkunstwerk mit Hermann Nitsch an der Orgel, Alois Schwarz und Erwin Pröll als Diskutanten.

Von Daniel Lohninger und Michaela Fleck. Erstellt am 29. Juli 2020 (02:11)
An der Orgel statt vor der Leinwand: Hermann Nitsch bei der ersten Probe für sein „Orgelmysterium“, das am 8. November im Dom zu St. Pölten aufgeführt wird.
Martina Bender

Er malt nicht nur mit Farben. Er malt auch mit Tönen. Denn: „Alles wird zur Musik“, sagt Aktionskünstler, Schüttbild-Maler und Orgien-Mysterien-Theater-Macher Hermann Nitsch. Der Prinzendorfer hat nicht nur die Abläufe seiner Weinviertler Mysterien-Spiele wie Partituren notiert, in der Wiener Staatsoper Regie geführt oder im St. Pöltner Festspielhaus Opernkostüme und Bühnenbilder geschaffen. Darüber hinaus komponiert und musiziert er.

Das wird Hermann Nitsch auch am 8. November. Da feiert sein jüngstes „Mysterium“ Uraufführung – statt, wie geplant, schon am 7. Juni. Dann, am 8. November, sitzt der als Maler weltweit bekannte, aber immer noch umstrittene Künstler nicht vor der Leinwand, sondern an der Orgel – und zwar an der Kirchenorgel im St. Pöltner Dom. Gemeinsam mit Dom-Organist Ludwig Lusser. Dessen Idee war das außergewöhnliche Nitsch-Projekt – etwas, das „es weltweit in dieser Form noch nicht gegeben hat“, betont Lusser.

Seit Studientagen verehrt Lusser den Komponisten Nitsch. Dass dieses außerordentliche Projekt jetzt tatsächlich Realität werden wird, sei aber „reiner Zufall“, erzählt Lusser. Die Orgelmusik des Hermann Nitsch sei, so Lusser, jedenfalls „etwas ganz Besonderes“. Und passe ebenso zur freien Improvisation wie zur Passacaglia von Johann Sebastian Bach.

Domorganist Ludwig Lusser: „Ich bewundere Nitsch schon seit meiner Gymnasialzeit.“
Martina Bender

„Meine Musik“, sagt Hermann Nitsch, „hat ihre Wurzeln im sinnlichen Empfinden, im Vorsprachlichen, im Jubelgeschrei der Auferstehung.“ Kreuz und Auferstehung stehen quasi als Leitmotiv über dem St. Pöltner Gesamtkunstwerk. Das bringt nicht nur Bach, Nitsch und Lusser an der Orgel zu Gehör. Das lässt nicht nur St. Pöltens Domchor unter Otto Kargl singen.

Das zeigt auch Schüttbilder aus der „Schwarzen Serie“ sowie das Auferstehungstriptychon, das zuletzt in der Albertina zu sehen war. Und: Das Gesamtkunstwerk lässt auch St. Pöltens Europa Ballett unter Star-Choreograf Renato Zanella tanzen. „Keine Replik“, sondern „etwas Neues“ will Zanella mit seinen Tänzern kreieren.

Einziger Schönheitsfehler: Aufgrund coronabedingter Maßnahmen dürfen nur 150 Besucher dem Konzert im Dom beiwohnen (Karten gibt es bei der Dommusik). Deshalb wird nun nach Wegen gesucht, das Orgel-Ereignis filmisch zu begleiten und live zu übertragen.

Lesung und Podiumsdiskussion runden Schwerpunkt ab

Eingebunden ist der Konzertabend in einen dreitägigen Nitsch-Schwerpunkt – unter anderem mit einer Lesung von Nitsch-Texten durch Maria Bill und einer von Danielle Spera moderierten Podiumsdiskussion mit Nitsch, Alt-Landeshauptmann Erwin Pröll und Diözesanbischof Alois Schwarz.

„Die Sensibilität und Auseinandersetzung mit den großen Lebens- und Menschheitsfragen stehen im Mittelpunkt des Schaffens von Hermann Nitsch. Hier gibt es Berührungspunkte mit dem katholischen Glauben“, freut sich Schwarz. Er habe die Hoffnung, dass dieses besondere Kunst-Ereignis eine offene Begegnung und Auseinandersetzung mit einem der prägendsten Vertreter der Gegenwartskunst möglich mache.