Das Ende des Testosterons. Über einen Paradigmenwechsel in der Politik.

Von Thomas Hofer. Erstellt am 14. Oktober 2020 (05:15)

Es galt als Prämisse der Politik 21. Jahrhundert: Je lauter, desto besser! Politik musste vor allem marktschreierisch sein, zuspitzend und polarisierend. Ein Jörg Haider zog so durch die Lande, später ein Heinz-Christian Strache. International ist das Phänomen am besten bei Donald Trump zu beobachten. Der Mann lebt(e) vom Tabubruch.

Zumindest in Österreich scheint diese Form der Testosteron-Politik vorerst an ihr Ende gelangt. Es siegen nicht mehr unbedingt die Polterer und Vereinfacher. In Kärnten ist mit Peter Kaiser einer unangefochten am Ruder, den man sich noch in der Ära Haider kaum je als Landeschef hätte vorstellen können. Landeshauptleute der Marke Wilfried Haslauer oder Johanna Mikl-Leitner fallen auch nicht gerade dadurch auf, dass sie in jedes sich darbietende Mikrofon beißen.

Im Bund ist zwar viel auf Sebastian Kurz zugeschnitten, aber auch er ist nicht der brachial formulierende Haudrauf und managte die Krise bislang anders als Trump oder ein Boris Johnson. Michael Ludwig, Wiener Wahlsieger vom Sonntag, ist keine Pointenschleuder wie sein Vorgänger. Er vermittelte Ruhe und Gelassenheit in stürmischen Zeiten. Im Corona-Wahlkampf war er eher moderierend als mit Ecken und Kanten unterwegs.

Mit ihm an der Spitze kann die Wiener SPÖ nun jenen Status in der Bundespartei zurückerobern, den man vor Jahren einbüßte. Man darf gespannt sein, ob der Bürgermeister für die nächste Nationalratswahl auch einen Plan für die noch immer schwächelnde Bundes-SPÖ entwickelt.