Die Menschenwürde. Zur Auseinandersetzung mit Argumenten zur Sterbehilfe.

Von Columban Luser. Erstellt am 25. November 2020 (04:48)

In den letzten Wochen sind die Medien beherrscht von den Themen des Lockdowns und von dem Attentat in Wien mit seinen ausufernden Nachforschungen. Im Schatten dieser Berichterstattungen droht aber ein Anliegen unterzugehen, das für Österreich sehr bedeutsam sein wird: die Debatte um die Legalisierung der aktiven Sterbehilfe, die vermutlich noch in diesen Tagen den Verfassungsgerichtshof passieren wird. Da ist ein weiterer ethischer Dammbruch zu befürchten.

Als Hauptargument führen die Befürworter der aktiven Sterbehilfe die Freiheit des Menschen an, die sich aus der Menschenwürde ableitet und auch die Entscheidung umfasst, das eigene Leben weiterzuführen oder nicht. Ein weiteres schweres Argument der Befürworter: Es ist menschenunwürdig, von der Hilfe anderer abhängig zu sein. Das sollte in der Auseinandersetzung mit diesem Thema einen Nachdenkprozess auslösen: Ist es wirklich menschenunwürdig, von der Hilfe anderer abhängig zu sein?

Gegenfrage: Ist es nicht geradezu typisch für das Mensch-Sein, voneinander abhängig zu sein? Unser Mensch-Sein beginnt schon damit, dass wir von Anfang an bereits als Baby im Bauch abhängig sind und von Kindesbeinen an anderen zur Last fallen – der Mutter, der Familie, die auf uns Rücksicht nehmen muss, etc. Vor allem aber sind wir im emotionalen Bereich völlig voneinander abhängig. Damit wir uns entfalten können, braucht es Beziehung, braucht es Liebe. Ohne Liebe stirbt der Mensch. Ohne Beziehung zu mehreren anderen Menschen entwickeln wir uns nicht.

Diese Beziehung macht unsere Lebensqualität aus. Beziehung aber macht immer abhängig. Tatsächlich ist es so, dass wir in der Vollkraft unseres Erwachsenenlebens nicht so auf körperliche Hilfeleistungen angewiesen sind wie etwa das Baby oder der ältere pflegebedürftige Mensch. Aber die emotionalen Bedürfnisse und die damit einhergehenden Abhängigkeiten bleiben in allen Lebensphasen gleich: Jeder– der Gesunde wie der Kranke, der Junge wie der Alte – braucht Anerkennung, Wertschätzung, Zuspruch und Dankbarkeit.

Und jeder – der Gesunde wie der Kranke, der Junge wie der Alte – kann Wertschätzung, Zuspruch, Anerkennung und Dankbarkeit vermitteln. Es ist nicht menschenunwürdig, von der Hilfe anderer abhängig zu sein. Es ist vielmehr unwürdig, das zu behaupten.