Gefährlich ehrlich. Thomas Hofer, Politik-Berater, über das Interview von Claudia Bandion-Ortner. Zu den größten Wünschen der Medien an die Regierenden gehört seit vielen Jahren ein Punkt immer wieder: Die Forderung nach Authentizität.

Von Thomas Hofer. Erstellt am 27. Oktober 2014 (09:10)

Zu den größten Wünschen der Medien an die Regierenden gehört seit vielen Jahren ein Punkt immer wieder: Die Forderung nach Authentizität.

Politiker, so die Kritik, seien heutzutage nicht mehr ehrlich, sie würden nicht mehr sagen, was sie sich wirklich denken. Sie würden sich in Interviewtrainings Stehsätze zurechtlegen, die sie dann bei Interviews in einschläfernder Regelmäßigkeit absondern. Stattdessen bräuchte es wieder echte Typen, die sich eben nicht minutiös vorbereiten und genau überlegen, was sie sagen.

Die würden dann den Durst der Bevölkerung nach mehr Ehrlichkeit stillen und bei Wahlen entsprechend reüssieren. Nun, die Sache hat natürlich was. Selbstverständlich ist es für einen politischen Akteur angesagt, sein Publikum nicht als Phrasen-Automat zu langweilen und schon auch mal Positionen zugespitzt an die Wählerschaft zu bringen.

Das blinde Verlangen nach mehr Offenheit und Ehrlichkeit hat aber auch eine Kehrseite. Denn ist ein Politiker mal ehrlich und sagt, was er oder sie sich denkt, passt es auch nicht. Beispiele gefällig? Ex-Justizministerin Claudia Bandion-Ortner fügte vergangene Woche ihrer patscherten Politkarriere in einem „profil“-Interview einen Epilog an. Im Interview mit dem Nachrichtenmagazin meinte die nunmehrige Generalsekretärin des heftig umstrittenen „König-Abdullah-Dialog-Zentrums“, dass in Saudi-Arabien definitiv „nicht jeden Freitag“ Hinrichtungen stattfinden würden. Denkende Politiker wissen, dass sie eine solch dumme, relativierende Aussage, noch dazu in einer so heiklen Position, niemals tätigen dürfen. Bandion-Ortner war einfach ehrlich.

Haarsträubende Fehler passieren auch in Deutschland. Helmut Kohl, zu Lebzeiten ein Denkmal von einem Bundeskanzler, rechnete vor Jahren in bislang geheim gehaltenen Gesprächen mit (fast) allen seiner Weggefährten ab. Nun wurden Teile der Gespräche gegen Kohls Willen veröffentlicht.

Das musste zwar auch nicht sein. Dennoch muss Kohl die Aufregung auf seine Kappe nehmen, denn mit den teils unflätigen Beschimpfungen von Angela Merkel bis Wolfgang Schäuble hat der Altkanzler sein eigenes Denkmal nachhaltig beschädigt. Ehrlich und authentisch war er in den Gesprächen sicher. Es gibt aber eben Situationen, in denen das für Politiker weniger angesagt ist.