Gefühlte Wahrheit. Über Spitzensportler und wie sie den Blick auf die Realität eintrüben können.

Von Bernhard Schiesser. Erstellt am 03. September 2019 (04:33)

Angst, Bestürzung, Trauer – das öffentliche Stimmungsbild war ein verheerendes, nachdem sich abzeichnete, dass Ski-Idol Marcel Hirscher seinen Rücktritt verkünden würde.

Derart starke Gefühle werden sonst nur bei persönlichen Schicksalsschlägen losgetreten. Doch auch wenn manche über die um sich greifende „Hirscher-Depression“ den Kopf schütteln, diese Gefühle sind ernst zu nehmen.

Der Sport ist eben ein Nährboden für den Selbstwert. Viele definieren ihn über die eigene sportliche Leistung, viele mehr über die Erfolge anderer. Hirscher war die zugkräftigste Identifikationsfigur. Das Fußballnationalteam, die Fußballklubmannschaften (Rapid!), ja selbst Olympiasportler sind ebenso im Stande, Glücksmomente oder eben innere Tragödien loszutreten.

Das darf so sein. Gefährlich wird’s erst, wenn dadurch der Blick auf die Realität eingetrübt wird. Hirschers Seriensiege machten keinen seiner Zujubler zu einem besseren Skifahrer. Das leuchtet ja noch ein.

Bei den Olympiasportlern folgt man da schon eher der falschen Fährte. Die Kletterin Jessica Pilz, die Kanutin Corinna Kuhnle, die Siebenkämpferin Ivona Dadic, die Judoka Michaela Polleres oder Gewichtheberin Sarah Fischer – eine ganze Handvoll Niederösterreicherinnen wird in einem Jahr bei den Spielen in Tokio – mit intakten Chancen – um Medaillen kämpfen. Der Schluss, dass NÖ ein Quell an sportlichen Mädchen sei, liegt nahe, ist aber leider falsch. Das Gegenteil ist der Fall. Das belegen Studien. Und die sind genauer als Gefühle.