Aufeinander zugehen. Abt Maximilian Fürnsinn (Stift Herzogenburg) über einen Gottesdienst, der Menschen einander näher gebracht hat.

Von Probst Maximilian Fürnsinn. Erstellt am 12. Dezember 2017 (01:18)

1. Dezember 2017: Weltaidstag. Nach „Zeit im Bild 2“ kündigt die Fernsehmoderatorin die Übertragung eines nächtlichen Gottesdienstes aus dem Wiener Stephansdom an.

Am Eingang des Domes begrüßt der Kardinal mit sehr freundschaftlichen Gesten den Initiator der österreichischen Aidshilfe und des Life Balls, Gery Keszler, und zieht mit dem Österreich-Team der Aidshilfe in den Dom feierlich ein. Sie nehmen im Altarraum Platz – an der Seite des Erzbischofs. Es ist keine Eucharistiefeier, sondern ein frei gestalteter Gedächtnisgottesdienst für an Aids verstorbene Menschen. Der Domchor musiziert das Requiem von Wolfgang A. Mozart. Die Kameras zeigen die Mitfeiernden. Das sind andere Menschen, als die, die wir in unseren Kirchen gewohnt sind. Aber sie nehmen ehrfürchtig teil, berührt und mit einer spürbaren Freude, in dieser Nacht im altehrwürdigen Stephansdom ein „Heimatrecht“ zugesprochen zu bekommen.

Das spricht Gery Keszler auch dankbar aus, dass die Initiatoren und Mitglieder der Aidshilfe und des Life Balls hier einen Platz bekommen haben. Er bezeichnet das mit tränenerstickter Stimmer als einen langen Wunsch. Man spürt, dass aus ihm eine große Sehnsucht spricht, die vielleicht weit über den Anlass hinaus reicht. Zwei, von der Krankheit Aids Betroffene, bekennen (nicht erzählen) ihre Erfahrungen: Wie man kämpfen muss; was einem hält; wie Menschen sich abwenden; wie jeder Hoffnungsstrahl zählt; welcher Prüfung man unterzogen wird; wie man dankbar wird, wenn alles gut wird. Eine Schauspielerin verkündet in einer Lesung aus der Apokalypse des Neuen Testaments: „Seht, ich mache alles neu!“ – das große Christuswort für das Finale der Weltgeschichte. Sie schließt diese Schriftworte mit einem ganz persönlichen, freien Glaubensbekenntnis ab – in ihrer Sprache und mit Freude.

Junge Menschen sprechen Fürbitten in großer Hoffnung und Vertrauen. Auch das ein Glaubenszeugnis – Kardinal Schönborn hielt eine sehr persönliche Predigt und erzählt von Begegnungen mit Aidskranken. Und er spricht zwei Anliegen aus: Er bittet, dass weiterhin für die menschliche und finanzielle Unterstützung gesorgt wird; und es möge dieser Gottesdienst das Aufeinander-Zugehen stärken.

Ich habe diese Übertragung bis lange nach Mitternacht angesehen. Ich habe mich sehr gefreut über die Offenheit auf beiden Seiten, und zwar ohne Berührungsängste. Ich habe mich gefreut, dass dieser Dom zum Gastraum für ganz andere Menschen wurde, die vielleicht sonst (bisweilen auch kirchlich) ausgegrenzt und übersehen werden. Dieser Gottesdienst ist ein Beispiel, dass weit über Österreich hinausreichen wird: „Seht, ich mache alles neu!“, sagt Christus. Das war ein großer Hirtendienst.

Danke, Herr Kardinal!