„Du bist immer wert, geschützt zu werden“. Über die aktuelle Diskussion zur Sterbehilfe.

Von Columban Luser. Erstellt am 08. Juli 2020 (03:22)

Noch vor zwei Jahrzehnten konnte man bei uns in Österreich mit einem breiten moralischen Konsens rechnen, der mit Blick auf das Lebensende des Menschen in einem Wort von Kardinal Franz König so zusammengefasst werden kann: „Der Mensch soll nicht durch die Hand, sondern an der Hand eines anderen sterben.“

Es gab 2001 eine parlamentarische Enquete in dem so wichtigen Anliegen „Solidarität mit unseren Sterbenden“, wo der politisch eingeschlagene Weg festgelegt wurde: Ja zur Patientenautonomie, Ja zur Palliativversorgung, Ja zur Hospizbegleitung – aber ein klares Nein zum assistierten Suizid und zur Tötung auf Verlangen. Auch die parlamentarische Kommission zum Thema „Würde am Ende des Lebens“ im Jahr 2015 hat den weiteren Ausbau der Hospiz- und Palliativversorgung im Blick gehabt als Gegenmodell zu einer etwaigen Aufweichung der geltenden Gesetzeslage.

Wer aufmerksam die aktuelle Situation zu diesem Thema verfolgt, wird aber feststellen, dass es da gezielte Aktionen und handfeste Tendenzen gibt, die geltende Rechtsordnung in dieser Frage zu kippen, um in Österreich eine Legalisierung von Suizidbeihilfe und Tötung auf Verlangen zu erreichen. Aus informierten Kreisen ist bekannt, dass dahinter ein „Sterbehilfeverein“ aus der Schweiz steht, der finanzstark bewusst Rechtsverfahren im Ausland lanciert, um dort die Rechtsordnung zugunsten seines eigenen Geschäftsmodells zu ändern. Wie man weiß, ist es auch nicht schwierig, dafür prominente Befürworter zu finden. Dazu kommt politisches Kalkül, aktive Sterbehilfe für sich zu kapern. Unter dem Deckmantel der Ethik und mit „schönen“ Worten werden Argumente vorgebracht, die durchaus Potenzial haben, den moralischen Konsens zu unterwandern.

Ob wir es wollen oder nicht: Diese Thematik wird auf unser Land zukommen – vielleicht schneller, als uns lieb ist.

Die bekannte Juristin und Bioethikerin Dr. Stephanie Merckens hat in einem hoch beachtenswerten Vortrag vor der NÖ Patienten- und Pflegeanwaltschaft im Februar 2020 dazu Stellung genommen und in neun Klarstellungen hilfreiche Argumente zusammengetragen, die bedacht sein wollen. Die 9. Klarstellung ist überschrieben mit dem Titel: „Du bist es immer wert, geschützt zu werden.“

Und sie führt weiters aus: „Die österreichische Rechtslage ist ein hohes Gut. Ebenso wie die Geschwindigkeitsbegrenzungen hat auch das Verbot der ‚Sterbehilfe‘ präventive Schutzfunktion. Außerdem wird damit eine klare Wertentscheidung getroffen. Die Solidarität mit den Schwachen verlangt, dass Einzelinteressen zurückstehen. Das umfassende Verbot der ,Sterbehilfe‘ ist eine Mauer des Schutzes für jene, die auf die Solidarität der Gesellschaft angewiesen sind. Es signalisiert jedem Lebensmüden ohne Ausnahme: Egal wie nachvollziehbar Deine Situation ist, egal wie mangelhaft Du Dich fühlst – Du bist es immer wert, geschützt zu werden.“

Im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie war eine berührende und bewegend beispielhafte Solidarität der jüngeren Generation mit der älteren erfahrbar. Es ist zu wünschen, dass auch der leidende und sterbende Mensch in unserem Land morgen und übermorgen auf diese Solidarität hoffen darf – gesetzlich geschützt.