Jedermann?. Propst Maximilian Fürnsinn (Stift Herzogenburg) über die Inszenierung des Salzburger Festspiel-Klassikers.

Von Probst Maximilian Fürnsinn. Erstellt am 15. August 2017 (00:04)

Ein Ereignis dieses Sommers geht mir stark nach: die Premiere des „Jedermann“ in Salzburg – eine tolle Inszenierung, hervorragende Schauspieler, eine flotte Regie. Trotzdem bekommt man nur einen reduzierten, aber sehr heutigen „Jedermann“ präsentiert. Dieser „Jedermann“ ist nicht mehr das Spiel vom Mysterium des Menschseins; nicht das Spiel von der Beziehung von Gott und Mensch; es geht nicht mehr um die Verantwortung des Menschen seinem Schöpfer gegenüber; nicht mehr um Erlösung und Rettung. Von Gnade und göttlicher Barmherzigkeit ist nichts mehr zu spüren.

Dieser Jedermann bringt die Situation von Religion in unserer Gesellschaft auf die Bühne. Christliche Weltanschauung trägt und hält nicht mehr. Sie scheint kein Deutungsmuster für heute zu sein. Menschliches Leben wird aussichtslos und bleibt sich selbst überlassen. Der Mensch lebt unter einem geschlossenen Himmel, ohne Transzendenz und ohne Glauben und Vertrauen, die stärker sein können als das Leben.

Aus einem Mysterienspiel ist ein Drama des auf sich selbst zurückgeworfenen Menschen geworden. Das nennt das Begleitheft zum Spiel „aufgeklärt“. Da werden Mensch und Gesellschaft exakt abgebildet.

Viele Situationen des Menschseins werden nicht mehr beantwortet. Eine Grundangst ist die Angst vor dem Tod. Eine Hoffnung darüber hinaus gibt es nicht. Selbst Beziehungen tragen nicht. Die Beziehung „Jedermanns“ zur emanzipiert wirkenden Buhlschaft liegt nur im Augenblick. Liebe wird nicht angestrebt – alles ein kurzfristiges Abenteuer. Nur darauf scheint der Mensch ein Anrecht zu haben, denn die prinzipielle Freude der Beziehung lässt sich nicht überschreiben. Die Begegnung mit den „Freunden“ bildet die heutige Schickimicki-Gesellschaft ab, ein belangloser Umgang. Der erworbene Reichtum des „Jedermann“, insbesondere die Festtafel, wird am Höhepunkt des Spiels bei schräg gestellter Bühne wie in eine Mülldeponie entsorgt. Entsorgung scheint das „sinnvolle“ Ende zu sein. Sinn gibt es nicht über den Augenblick hinaus. Schließlich landet „Jedermann“ im Spitalsbett einer psychiatrischen Anstalt. Selbst der Heimgang des „Jedermann“ durch den Tod zu Gott ist kein Erlösungsweg – höchstens ein Abgang.

Ich bin überzeugt, diese Inszenierung geht vielen Menschen unter die Haut. Trotzdem ist dieses Spiel heuer eine „Teildarstellung“ des „Jedermann“. Psychodramen haben wir genug. Aber wir brauchen heute dringend die Botschaft: Gott hält den Menschen! Die Menschenfrage kann man von der Gottesfrage nicht trennen. Der Mensch ist zur Liebe berufen. Das Wesen der Liebe ist das Wesen Gottes. Für sogenannte Aufgeklärte nur ein bedenkenswerter aufgeklärter Satz dazu: „Die Welt, die Menschheit und der Mensch leben von Voraussetzungen, die sie selber nicht schaffen können!“ (Böckenförde).

Nur mit dieser Wahrheit ist und bleibt der „Jedermann“ Weltkulturerbe.