Erstellt am 10. Januar 2017, 01:46

von Columban Luser

Mörder oder Märtyrer?. Abt Columban Luser (Stift Göttweig) über den verbalen Umgang mit Attentätern wie jenem in Berlin.

Bei den diversen Berichten über den Attentäter von Berlin ist bei mir eine Information hängengeblieben, die mir so richtig aufstößt. Dieser Mann hat dem Anführer der IS bedingungslose Treue geschworen und war von dem Ziel besessen, ein „Märtyrer“ zu werden.

In letzter Zeit passiert es immer wieder, dass in öffentlichen Debatten über den gewaltbereiten Islamismus Jihadisten, die bei Attentaten den Tod finden, als „Märtyrer“ bezeichnet werden.

Morden im Namen Gottes – das ist pervers! Und nicht weniger pervers ist es, Selbstmordattentäter mit dem Ehrentitel eines Märtyrers zu behängen.

Vielmehr sind gerade die Opfer des Jihadismus häufig Märtyrer, die ihre religiöse Überzeugung auch unter Todesandrohung nicht zur Disposition stellen. Mit Blick auf diese Opfer einem islamistischen Täter die Selbstbezeichnung „Märtyrer“ durchgehen zu lassen – das wäre blanker Zynismus!

Begriffsgeschichtlich taucht die Bezeichnung Märtyrer erst in der vorkonstantinischen Zeit auf, wo das Christentum eine verfolgte Religion war. „Martys“ ist das griechische Wort für „Zeuge“ und wird ab dem 2. Jahrhundert im christlichen Sprachgebrauch für Christen verwendet, die ihrer Glaubensüberzeugung treu bleiben und auch bei erlittener Gewalt diese erdulden und auf Gegengewalt verzichten.

Dieser Gewaltverzicht erwächst einer tief reflektierten Christusbeziehung. Im Selbstverständnis der Christen gilt das Martyrium als Ernstfall der Kreuzesnachfolge.

Auch wenn die Geschichte des Christentums alles andere als nur rühmlich ist und mit Zwangsbekehrungen, Kreuzzügen und Konfessionskriegen blutige Schattenseiten aufweist und bei Andersgläubigen ebenfalls Märtyrer produziert hat, so darf der Sinngehalt des Märtyrerbegriffs – Gewaltlosigkeit – in der öffentlichen Diskussion nicht verwischt werden: Attentäter sind keine Märtyrer!