Nicht wegschauen!. Darüber, was die Situation der Flüchtlinge in Griechenland für Christen in Österreich bedeutet.

Von Stephan Turnovszky. Erstellt am 03. Februar 2021 (05:44)

Vor ein paar Tagen wurde ich angesprochen: „Herr Weihbischof, bitte, die Bischöfe mögen sich noch deutlicher zu Wort melden, dass es eine Schande ist, wie wir in der EU mit Flüchtlingen umgehen. Das ist der Christen unwürdig.“ Ein junger Familienvater hat mir hingegen geschrieben: „Ich verstehe nicht, warum die katholische Kirche immer wieder offensiv die Aufnahme von arabischen Flüchtlingen fordert. Ich habe gehört, dass es in zehn Jahren in Wien mehr Muslime geben wird als Katholiken, sollte das nicht stimmen, dann spätestens in 20 Jahren, aber was ändert es daran?“

Tatsächlich haben wir unter Christen in der Bevölkerung beide Positionen vertreten. Aber so wichtig es ist, auf die Menschen zu hören, so gefährlich ist es auch, sich an Mehrheitsmeinungen zu orientieren. Wenn in einer Demokratie oder in der Kirche von den Oberen nur noch auf das geachtet wird, was die Mehrheit wünscht, wird es brandgefährlich, denn dann regiert der Populismus anstatt des Gewissens!

Was ich dazu denke, habe ich dem jungen Familienvater geantwortet: „Du schreibst: ‚Was ich allerdings nicht verstehen kann, ist, warum die katholische Kirche immer wieder offensiv die Aufnahme von arabischen Flüchtlingen fordert.‘ Das stimmt so nicht. Die Bischöfe haben nie die Aufnahme von arabischen Flüchtlingen propagiert, sondern machen sich stark für eine humanitäre Aktion für Flüchtlinge aus welchem Herkunftsland auch immer. Für Christen muss der Maßstab das Evangelium sein.

Das bietet keine einfachen Antworten, sondern eine herausfordernde Botschaft der universalen Liebe. Von daher verbieten sich die beiden einfachen Antworten ‚Jeder ist willkommen‘ und ‚Keiner darf rein‘. Vor allem aber verbietet es sich, wegzuschauen und zu meinen: ‚Das geht uns nichts an‘. Was wir bräuchten, ist eine weltweite UN-Agenda zum Umgang mit dem Thema Migration. Wir leben in einer globalisierten Welt, da darf man sich nicht wundern, wenn Wanderungsbewegungen, die es in der Geschichte immer gegeben hat, beschleunigt werden. Als Teil dieser Welt kommen wir um das Thema nicht herum. Und in Österreich bräuchten wir stark verbesserte Programme zur Integration.“

Konkret plädiere ich dafür, 100 Familien mit positivem Asylbescheid von Griechenland nach Österreich zu holen. Es gibt bereits zahlreiche Initiativen im kirchlichen und gesellschaftlichen Bereich, die bei der Aufnahme und Integration dieser Menschen helfen wollen. Gleichzeitig muss alles getan werden, dass es menschenwürdige Bedingungen in Flüchtlingslagern gibt, sei es in Griechenland, Syrien oder wo auch immer. Die beste Hilfe für Menschen besteht darin, dass sie erst gar nicht gezwungen sind, ihre bisherige Heimat zu verlassen. Jeder Einzelne, jedes Land und die ganze Staatengemeinschaft kann und muss dabei mithelfen – noch viel mehr als bisher.