Erstellt am 10. Juli 2018, 00:10

von Abt Maximilian Heim OCist

Postmoderne Nomaden. Abt Maximilian Heim (Stift Heiligenkreuz) über den Wunsch nach Geborgenheit in der modernen Welt.

In unserer Zeit der Globalisierung, die gekennzeichnet ist von Instabilität, Mobilität, Beschleunigung und Flexibilität, von großer Not-, Kriegs- und Armutsmigration, scheint alles in Bewegung zu sein. Man spricht vom „Turbo-Kapitalismus“, von „Digitalen Datenautobahnen“, von einer neuen Sicht auf den Menschen, der sich selber angeblich neu erfinden soll. Das eigentliche Lebensheiligtum, soziologisch ausgedrückt, scheint die freie Selbstverwirklichung zu sein.

Dennoch fragen wir uns, ob nicht gerade in dieser Zeit des Wandels und des Umbruchs Stabilität und Orientierung notwendig sind, um dem tiefen Wunsch nach Heimat, der im Menschen grundgelegt ist, entgegenzukommen. Denn in der Unbehaustheit der postmodernen Kultur gibt es genug Menschen, die sich nach Geborgenheit sehnen, nach Annahme und Geliebtwerden. Der Mensch kann sich nicht allein zum Glück verhelfen. Er braucht immer auch ein Visavis, ein Du, das mit ihm zusammen in eine Weggemeinschaft eintritt.

Vielleicht könnten die Christen aus ihrer selbstgenügsamen Isolation heraustreten, um missionarisch den anderen zu sagen: „Ja, ein Aufbruch lohnt sich, wenn du ein bleibendes Ziel vor Augen hast!“ So sind die Christen nicht nur eine Weg-, sondern auch eine Zielgemeinschaft. Und dieses Ziel ist die ewige Gemeinschaft mit Gott. Das moderne Nomadentum braucht also die Kultur einer Weggemeinschaft, einer Gemeinschaft von Glaubenden, die als Pilger unterwegs sind zu Gott, der ihnen in Jesus Christus entgegengekommen ist.

Wenn in den verschiedenen Wallfahrtsorten der Welt – vor allem auch in Lourdes oder Međugorje – Kranke und Gesunde, Schwache und Starke, Alte und Junge zusammenkommen, dann werden sie von einem Glauben gehalten, der die menschliche Not und das Leid mit neuen Augen sieht, nämlich als Teilhabe am Leiden Christi. Müssen wir nicht dann in der Öffentlichkeit, vor allem an den Kreuzungen unseres Lebens, das Kreuz Jesu Christi neu entdecken und aufstellen als Orientierungszeichen, als Wegweiser: vertikal zu Gott und horizontal zueinander? Dann gilt auch für uns das Wort des alten Kartäuserordens: „Stat crux dum volvitur orbis.“ – Das Kreuz steht fest, während die Welt sich (im Karussell) dreht.