„Ruht aus!“. Georg Wilfinger OSB, Abt vom Benediktinerstift Melk, über das Ausruhen und die Frage, wie man zu sich selbst kommt.

Von Georg Wilfinger. Erstellt am 04. August 2021 (05:36)

Das Evangelium gibt uns auf Fragen eine beherzigenswerte Antwort: Jesus selbst sagt zu den Aposteln: „Kommt mit an einen einsamen Ort, wo wir allein sind, und ruht ein wenig aus!“ (Mk 6,31). Jesus setzt sich für die Menschen ein, aber er hat keinen Gefallen am pausenlosen Betrieb. Er selbst sucht immer wieder die Einsamkeit und Stille. Jeder Mensch braucht Zeiten, in denen er wieder Boden unter die Füße bekommt. Das Evangelium spricht zunächst von einem einsamen Ort, vom Alleinsein und von Ruhe. Das sind die Voraussetzungen dafür, dass ich zu mir selbst komme. Wenn ich nicht nur das Viele sehe, entdecke ich vielleicht meine Nähe, mein Jetzt und mich selbst.

Das Zweite ergänzt dieses Erste entscheidend: Die Apostel ziehen sich nicht einfach an einen einsamen Ort zurück, sie versammeln sich bei Jesus. Sie lassen sich von ihm mitnehmen. Jesus aufsuchen und bei ihm ausruhen, das nennt unser Evangelium Ruhe und Erholung. In der Stille ihm, seinem Wort begegnen, das kann meinem Leben wieder Sinn und Wert geben, mich meine Wurzeln wieder spüren lassen, mir wieder Lebenskraft geben.

Und schließlich ist da noch ein Drittes: Die Jünger berichten Jesus alles, was sie „getan und gelehrt“ (Mk 6,30) haben. Sie legen ihr Reden und Tun, ihre Erlebnisse und Erfahrungen offen, sie reflektieren, und dabei entdecken sie sich selbst erst richtig.

Wenn ich anfange, mein Tun vor ihn hinzulegen, dann kann mir das helfen, das zu finden, was dem Ganzen Sinn und Ziel gibt.

Jesus hat also nichts gegen Jünger, die sich ausruhen und von den anderen Menschen zurückziehen. Die Frage ist nur, ob wir den Hinweisen und Einladungen unseres Evangeliums folgen können, die gewohnte Betriebsamkeit aufzugeben und einen Ort aufzusuchen, wo wir allein sind.

Kommt mit an einen einsamen Ort ... und ruht ... aus: Dieser Einladung zu folgen, erfordert Mut: Mut, sich selbst zu begegnen. Mut, mir selbst in die Augen zu schauen. Mut, Bilanz zu ziehen. Mut vielleicht zur Korrektur meiner bisherigen Lebensrichtung.