Staatlich „richtige“ Ethik?. Über Ethik im Unterricht.

Von Probst Petrus Stockinger. Erstellt am 22. Juli 2020 (04:53)

Derzeit steht der schulische Religionsunterricht wieder einmal in Kritik und es drängt sich eine scheinbar bessere Alternative auf: Eine kleine, aber laute Gruppe fordert „Ethik für alle“ und pocht darauf, bei diesem Thema entsprechend einer Umfrage auch die Mehrheit der Bevölkerung hinter sich zu wissen, welche einen „neutralen“ Ethikunterricht an den Schulen befürworten würde.

Da ist zu fragen: Wenn der Staat die „richtige“ Ethik vorgibt, wer bestimmt dann, worin diese besteht? Anders betrachtet: Einen modernen, freiheitlichen, liberalen Staat erkennt man unter anderem daran, dass er die Bildung der Werte, auf die er selbst aufbaut, vielen verschiedenen Organisationen überlässt, die ihm vorgelagert sind: Kirchen, Gewerkschaften, Vereine der Zivilgesellschaft, sogar Parteien (ja, auch sie gehören nicht zum Staat, sondern arbeiten diesem zu!) garantieren die freie Wertebildung der Menschen, die in einem Land leben und zusammen den Staat gestalten.

Einen totalitären Staat erkennt man daran – ein Blick nach China oder Nordkorea genügt, um das zu illustrieren –, dass er die Wertebildung der (noch möglichst jungen) Bewohnerinnen und Bewohner an sich zieht, um sie in der staatlich richtigen Ethik zu erziehen. Derzeit sind die Menschen in Österreich – Gott sei Dank – daran gewöhnt, in den Staat großes Vertrauen setzen zu dürfen. Aber muss das immer so bleiben? Wer garantiert das?

„Ethik für alle“ lebt aus der Vorstellung, es gäbe so etwas wie „neutrale“ Ethik, ohne Einflüsse von Kirchen, Religionen, Weltanschauungen. Das klingt nach Freiheit – dahinter lauert allerdings notwendigerweise die „korrekte“ Staatsethik, in der die Kinder in der Schule zu den „richtigen“ Meinungen erzogen werden. Wollen Eltern das wirklich? 1945 ist das Experiment verordneter staatlicher Wertebildung zum letzten Mal in unserem Land gescheitert – ist das zu lange her, um sich dieses Irrweges bewusst zu sein?