Wachstum ist kein Ziel. Weihbischof Stephan Turnovszky mit dem Appell, weniger Energie zu verbrauchen und nicht ungezügelt weiterzuwachsen.

Von Stephan Turnovszky. Erstellt am 05. Mai 2021 (05:25)

Einer meiner Professoren auf der Technischen Universität (an der ich Chemie studierte, bevor ich Priester wurde) war äußerst skeptisch gegenüber endlosem Wirtschaftswachstum: „Es gibt in der Natur nur eine Sache, die endlos wächst“, sagte er, „der Krebs.“ Mich hat es beeindruckt, dass selbst ein im Leben stehender Techniker sich vor uns eingestand, dass Umweltprobleme, die sich schon in den 80er-Jahren deutlich abzeichneten, nicht alleine durch noch mehr Anstrengungen, Technik und Wachstum in den Griff zu bekommen sein würden, sondern vor allem durch eines: durch Bereitschaft zum Verzicht.

Heute als Geistlicher bin ich noch überzeugter davon, dass mein Professor Recht hatte. Zwar ist nichts gegen Wirtschaftswachstum an sich einzuwenden, nur gegen seine zügellose Form, die zum Tod führt, wie beim Krebs. Wenn ich höre, dass wir angeblich größere Lkw und breitere Autobahnen brauchen, bin ich skeptisch, auch wenn Lkw elektrisch angetrieben werden sollten. Wo wird denn der Strom dafür herkommen? Dazu kann die gepriesene Wasserstofftechnologie gar nichts beitragen, weil Wasserstoff nur ein Energiespeicher ist, vergleichbar einer Batterie.

Der Strom dafür müsste aus noch mehr Windrädern, Solar- oder Wasserkraftwerken kommen (wenn wir zu Recht auf fossile und nukleare Brennstoffe verzichten wollen), und das bedeutet die weitere Reduktion natürlicher Lebensräume von Tieren, was global zur Vermehrung von Krankheitserregern und zum Verlust von Erholungsraum führen wird. Eine Sackgasse bis zur Selbstzerstörung.

Der Ausweg: Weniger Energieverbrauch! Brauchen wir denn all das, was Energie verschlingt? Wer braucht Bitcoins? (Angeblich verbrauchen alle dafür nötigen Großrechner insgesamt die Leistung eines ganzen Kraftwerkes.) Warum müssen Menschen energieaufwendig am Computer spielen, statt real? Kann man nicht im Winter ganz gut ohne frische Erdbeeren auskommen (und dadurch deren Transport vermeiden)? Ist das alles mehr wert als intakte Umwelt?

Wie ein Mahnmal stehen hoch über dem Mürztal auf der Pretulalpe weithin sichtbare Windkraftanlagen: Sie rufen uns in Erinnerung, dass wir dabei sind, die letzten Naturreservate dafür zu opfern, nur um Unterhaltung und Lebensgewohnheiten beizubehalten. Das ungezügelte Weiterwachsen wird mehr kosten, als es bringt. Ich fürchte, mein Professor hatte Recht.