Zuwendung statt Komplizenschaft!. Über den Wert des Lebens in allen Facetten und die Zuwendung anderer als Lebensperspektive.

Von Stephan Turnovszky. Erstellt am 10. Februar 2021 (05:44)

Vor Monaten machte ich einen bemerkenswerten Krankenbesuch in einem Weinviertler Dorf: Frau Schmid (Witwe, 62) pflegt ihren Sohn Erich (35) (Namen geändert). Er leidet an einer seltenen Krankheit, die ihn seit neun Jahren ans Bett fesselt. Er kann nur mit den Augen kommunizieren, das ist alles. Das Besondere: Der Friede, der rund um dieses Krankenbett herrscht! Erich wird von seinem Umfeld nicht als Last, sondern als Erich wahrgenommen. Als ein besonderer Mensch mit besonderen Bedürfnissen. Sein Krankenbett war (vor Covid) zum Sammelpunkt der Großfamilie geworden.

Im krassen Gegensatz dazu steht die Erkenntnis des Verfassungsgerichtshofes, der in Zukunft Mitwirken an der Selbsttötung in Österreich gestattet. Wer will schon am Tod seiner Lieben mitwirken? Ich verstehe, dass es Situationen gibt, in denen es einem schwerfällt, die Liebsten leiden zu sehen, aber wir haben in Österreich Gott sei Dank wunderbare Schmerztherapien zur Verfügung. Das muss unser Weg sein: Menschen die Schmerzen zu nehmen, aber nicht das Leben.

Und falls es doch jemanden gibt, der einen Todeswunsch äußert, verstehen zu lernen, dass sich in den allermeisten Fällen dahinter ein Lebenswunsch verbirgt! Wer sagt „Ich will nimmer leben“ hat in den allermeisten Fällen Sehnsucht nach einer Person, der er das sagen kann – ohne dass diese zur Tat schreitet –, die ihm zuhört, Zuwendung schenkt und damit wieder Lebensperspektive öffnet.

Menschen erhalten Zuversicht durch andere Menschen! Wir brauchen nicht die Exekution des Todeswunsches durch Komplizen, sondern die Wandlung desselben zur Annahme der eigenen Endlichkeit durch Zuwendung. Daran mangelt es womöglich in Österreich, denn nicht jeder Leidende hat es so gut wie Erich und nicht jeder schafft die Pflege so gut wie seine Mutter. Jede Selbsttötung ist eine zu viel. Ich träume von einem Land, in dem sich Menschen nicht das Leben nehmen (lassen), sondern für einander Sorge tragen und erleben, dass das sogar schön ist. Ein Land, in dem die Menschen auch an den Grenzen des Lebens zu einander stehen.

Dieser Traum ist keine Seifenblase, sondern existiert in vielen kleinen Zellen – in unserem Weinviertler Dorf, in unzähligen Haushalten, auf unseren Palliativstationen und in unseren Heimen. Diese Zellen der Zuwendung gilt es zu stärken, denn dort wächst, was sich Menschen zutiefst wünschen: den Frieden als Frucht einer Zustimmung zu jedem Menschenleben, wie schwach und hilfsbedürftig es auch sein mag.