Der Rot-Lauf. Über die Selbstaufgabe einer stolzen Partei.

Von Thomas Hofer. Erstellt am 12. Juni 2019 (03:07)

Hätte man nach dem Auftauchen des Skandalvideos von Ibiza gefragt, wem es die größten Probleme bereiten würde – die Mehrheit hätte die FPÖ genannt. Diese hat am Strache-Erbe, inklusive seiner EU-Parlaments-Avancen, zu tragen. Strategisch aber ist sie gut aufgestellt. Sie hat sich in die Opferrolle begeben und zieht andere mit in den Polit-Sumpf. Bei der Wahl wäre ein Ergebnis um 20 Prozent keine Sensation.

Die eigentlichen Verlierer sind die Sozialdemokraten. Diesen Befund muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Da zerbricht die ach so harmonische und von der SPÖ gern kritisierte türkis-blaue Regierung an einem echten Skandal, und gleich darauf bekommt die SPÖ dafür die Rechnung präsentiert.

Die Gründe für den Niedergang der Partei sind vielfältig. Was aber auffällt, ist die strategische Unfähigkeit der Parteiführung. Man reagiert in jeder Situation falsch, lädt die Ablehnung von Sebastian Kurz etwa nicht inhaltlich, sondern bloß emotional auf; man liefert peinlichste Inszenierungen; und man ergeht sich in Grabenkämpfen und spielt Details nach draußen, die an der Basis schwer schaden. Auch die ehedem dominierende Struktur der SPÖ sieht alt aus.

Die ÖVP konnte bei der EU-Wahl über eine halbe Million Vorzugsstimmen generieren. Die SPÖ hängt organisatorisch in den Seilen und hat moderne Wahlkampfmethoden verschlafen. So kommt man in kein Kanzlerrennen. Es droht gar ein Ausrinnen in Richtung Grüne. Bleibt nur die verzweifelte rote Hoffnung, dass ein rot-blaues Rennen um Platz 2 mobilisiert.