Emokratie. Über die Dominanz von Gefühlen im Wahlkampf.

Von Thomas Hofer. Erstellt am 10. September 2019 (03:08)

Weniger als drei Wochen vorm Wahltag ist es kein Wunder, dass in den Parteien die Nerven blank liegen. Zu viel steht für die Kandidatinnen und Kandidaten am Spiel. Für Sebastian Kurz (ÖVP) geht es um eine möglichst gute Verhandlungsbasis für die Koalitionsverhandlungen danach, für andere Kandidaten wie SPÖ-Chefin Pamela Rendi-Wagner um die Fortsetzung ihrer Polit-Karriere.

Was allerdings an diesem Wahlkampf auffällt ist, dass Kampagnen oft nur mehr über reine Emotion getrieben werden. Wir entwickeln uns von einer Demokratie zur Emokratie. Themen rücken in den Hintergrund. Wenn sie doch verhandelt werden, dann aber eben auch nur über große Gefühle. Handelsabkommen diskutiert man dann mit Begriffen wie Chlorhendl oder der (mehr als legitimen) Empörung über Regenwald-Brände. Die Migrationsdebatte findet über überschäumende Gefühle zum Kopftuch statt, Skepsis über Klimaschutzmaßnahmen äußert sich in der Verteidigung des Schnitzels.

Mittelfristig führt das dazu, dass Fakten nicht mehr das ausschlaggebende Kriterium für die Beurteilung eines Sachverhalts sind, sondern die Stimmung. Ob und wie die ÖVP-IT nun gehackt wurde, ist nicht so wichtig. Zentral ist, welche Gefühle das Thema bei Schlüssel-Zielgruppen hervorruft. Die Bewertung einer Politikerin bemisst sich am Urlaubsort und der Lokalwahl. Dass sich die Aufwallung beim Publikum leicht in Aggressivität wandelt und zur Überwindung der Aufmerksamkeitsschwelle eine immer höhere Gefühlsdosis nötig ist, macht nicht gerade Hoffnung für künftige Wahlkämpfe.