Rote Richtung. Über die Sinnkrise der Sozialdemokratie.

Von Thomas Hofer. Erstellt am 08. Oktober 2019 (04:39)

Manchmal bekommen politische Sätze ein vom Absender nicht mehr kontrollierbares Eigenleben. Norbert Hofer ist das 2016 mit einem saloppen „Sie werden sich noch wundern, was alles möglich ist“ passiert. Angela Merkels „wir schaffen das“ wurde ebenfalls Projektionsfläche für manches, das sie nicht intendiert hatte. Nun hat es SPÖ-Chefin Pamela Rendi-Wagner erwischt. Noch am Wahlabend lieferte sie diesen Satz: „Die Richtung stimmt.“

Sie sagte das nach dem schlechtesten Abschneiden ihrer Partei in der 2. Republik und illustrierte so die rote Realitätsverweigerung. Überhaupt hat man den Eindruck, dass sich in der SPÖ eine Art Lemming-Mentalität breitmacht. Manche Genossen zieht es regelrecht zum Abgrund. Der zurückgetretene Bundesgeschäftsführer Thomas Drozda etwa bestritt seine persönliche Umzugsfahrt mit einem Porsche 911. Weil’s schon wurscht ist? Ersetzt wurde er übrigens durch den ebenfalls für die Niederlage verantwortlichen Wahlkampfmanager.

Diese Bruchstücke sind freilich nur Symbole. Das Alarmierende für die SPÖ ist, dass sie auf keine Wählergruppe mehr Zugriff bekommt. Nach den Arbeitern sind nun die Pensionisten weg. Und die Frage, ob man überhaupt in die Regierung will, hat man sich noch nicht gestellt. Natürlich hat die SPÖ auch ein Personalproblem. In erster Linie aber hat sie ein Identitätsproblem. Zentrale SP-Begriffe wie „Gerechtigkeit“ hat man an den politischen Mitbewerb verloren. Macht die Partei so weiter, wird sie sich noch wundern, was richtungstechnisch alles möglich ist.