Scham-Grenzen

Erstellt am 24. November 2022 | 03:53
Lesezeit: 2 Min
Politikberater, über politischen Umgang mit einem schwierigen Gefühl.
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Scham ist das Gefühl, versagt oder sich zumindest eine Blöße gegeben zu haben. In der Politik ist schwer nachzuvollziehen, wer dieses Gefühl (noch) verspürt.

Denn das Gefühl mag bei einzelnen Akteuren, die versagt oder sich zumindest eine moralische Blöße gegeben haben, vorhanden sein. Ob man das aus taktischen oder parteipolitischen Gründen zugibt, steht auf einem anderen Blatt.

Die seltsame Empfehlung des ÖVP-Ethikrats, Thomas Schmid zwar auszuschließen, sich zu anderen Fällen, die noch der juristischen Klärung harren, aber zu verweigern, erschwert der Partei das Krisenmanagement in eigener Sache.

Auch wenn man mit Fug und Recht auf die Unschuldsvermutung pocht, gibt es genug auf dem Tisch, das ethischen Einspruch rechtfertigt: Etwa, dass die ÖVP – wie auch die SPÖ – im Wahlkampf 2017 massiv auf Dirty Campaigning und die Manipulation der Öffentlichkeit gesetzt hat. Um sich dafür zu schämen, braucht man keinen Richter.

International scheint der Trend zur Schamlosigkeit ungebremst. Donald Trump dürfte genau gar nichts peinlich sein. Beim Weltfußballverband FIFA verhält es sich ähnlich. Wie sonst konnte es zur jenseitigen Vergabe der Weltmeisterschaften an Russland oder Katar kommen?

Damit sind wir bei der Präsenz von Scham im Alltag. Nach Flug- und Fleischscham wegen der Klimakrise gibt es nun die WM-Scham, eben wegen der Austragung in Katar.

Muss jeder Fußball im TV boykottieren, obwohl man den Sport liebt? Diese Entscheidung muss wohl eine persönliche sein, den allgemeinen Verzicht zu verlangen, überschreitet eher die Grenze zum Moralinsauren.