Sind Strategien böse?. Thomas Hofer, Politik-Berater, über das beherrschende Wahlkampfthema.

Von Thomas Hofer. Erstellt am 26. September 2017 (02:47)

Drei Wochen vor dem Wahltag dominieren in der medialen Arena nicht etwa Auseinandersetzungen zum Thema Wirtschaft oder Soziales. Aufregung herrscht über diverse „Leaks“ in den Kampagnenzentralen. Seit Wochen hat sich die Kanzlerpartei SPÖ mit nach außen gespielten Entwürfen für Anti-Sebastian-Kurz-Spots und peinlichen Mails diverser Wahlkampfberater herumzuschlagen.

Der ÖVP geht es kaum besser. Sebastian Kurz bestreitet stets und mit Hingabe jede strategische Absicht und will stattdessen bloß authentisch wirken. Nun muss er in regelmäßigen Abständen Auszüge aus einem zumindest teilweise aus seinem Umfeld stammenden Strategiepapier lesen, welches seinen Plan zur innerparteilichen Machtübernahme detailliert beschreibt. Selbst Aufdecker Peter Pilz hat mit Papieren aus der jüngeren Vergangenheit zu kämpfen.

Für sich genommen sind diese „Geheimpapiere“ wohl kaum von besonderem Interesse für die Wählerinnen und Wähler. Allenfalls bestätigen sie die alte Weisheit, wonach jedes „Schriftl ein Giftl“ sei. Ernst nehmen müssen die Parteien die jeweiligen Lecks dennoch: Einerseits verpesten sie die interne Stimmung, weil man sich naturgemäß auf die Suche nach dem Verräter macht. Andererseits drohen die „Enthüllungen“ am schön aufgebauten Image der Spitzenkandidaten zu kratzen. Kern kann es nicht recht sein, dass seine Autorität zunehmend untergraben wird. Und Kurz wird wenig Freude daran haben, dass er immer stärker in die Nähe des Meisterstrategen Wolfgang Schüssel gerückt wird.

Nachdenken darf aber auch das Publikum: Denn abgesehen von der diskussionswürdigen Frage, ob, wann und wie lange auch Ministeriumsmitarbeiter an Papieren mitwirkten – die Diskussion über die Existenz von Strategien ist verlogen. Natürlich arbeiten professionelle Politiker daran, sich bestmöglich (öffentlich wie innerparteilich) in Stellung zu bringen. Das war bei Kurz’ Machtübernahme so, aber auch bei Werner Faymanns Entthronung durch Kern. Die Frage ist, ob man letztendlich Führungspersonal will, das Vorstellungen und Pläne entwickeln kann, oder solches, das sich nur von der Schlagzeile von morgen treiben lässt.