Versprechen anderer. Über die aufgebaute Erwartungshaltung in Dominic Thiem.

Von Bernhard Schiesser. Erstellt am 16. September 2020 (05:04)

Raphael Nadal tat es bereits zweimal nach dem Paris-Finale, Novak Djokovic im Jänner nach dem Endspiel in Australien: Die beiden Tennis-Superstars legten die Hände auf Dominic Thiems Schulter und prophezeiten ihm, dass er noch viele Grand-Slam-Turniere gewinnen werde. Ach ja, und so ziemlich alle Tennis-Experten versprechen dem Niederösterreicher schon viel, viel länger, dass er die Tennis-Szene ohnehin bald beherrschen werde.

Dominic Thiem stand stets da, nickte in artiger Dankbarkeit und schluckte die Huldigungen hinunter. Sie lagen schließlich schwer im Magen und bauten Druck auf, an dem Thiem am Sonntag beinahe gescheitert wäre.

Als klarer Favorit gegen den Deutschen Alexander Zverev sah der Lichtenwörther über zweieinhalb Sätze kein Land, drohte Thiems viertes Grand-Slam-Finale zum Fiasko zu werden. Zu wuchtig schien die eigene Erwartungshaltung, endlich dieses Versprechen – das genau genommen andere für ihn abgaben – einzulösen.

Sein bestes Tennis spielte der Lichtenwörther im Fünf-Satz-Drama nie. Thiems Comeback war einerseits dem Nervenflattern seines Gegners geschuldet, anderseits einer mentalen Zähigkeit, die bemerkenswert war.

Thiem hat seinen ersten großen Titel in der Tasche. Jetzt ist der Bock endlich umgestoßen. Es gibt übrigens Beispiele, wo Sportler nach einem solchen Erfolg in ein mentales Loch fallen, sich die Suche nach neuer Motivation schwierig gestaltet. Es gibt aber auch Beispiele, wo Sportler fortan befreit durchstarten. Zu welcher Gattung Thiem gehört? Schon in zwei Wochen gibt‘s in Paris die Antwort. Da wartet das nächste Grand-Slam-Turnier.