Klimawandel: Wälder werden zu Wiesen. 25.000 Fußballfelder Waldfläche sind dem Klimawandel in NÖ bereits zum Opfer gefallen. Betroffen sind nicht nur Landwirte, sondern alle.

Von Theresa Bittermann. Update am 14. Mai 2019 (15:20)
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Vor nicht einmal zwei Jahren sei das hier noch tiefster Wald gewesen, erzählt Waldbesitzer Herbert Wagnsonner aus Modsiedl (Bezirk Waidhofen an der Thaya). Trotz der aktuellen Regentage leiden die Bäume unter der Trockenheit und veränderten Bedingungen. Denn: Nach Trockenperioden könne der Boden große Regenmengen nicht optimal aufnehmen, so Experten.

Am Weg in den Wald von Herbert Wagnsonner wirbelt trockene Erde vom Boden auf, der fehlende Regen hat den Wald gezeichnet. Der Staub legt sich und der Blick auf einen umgestürzten Baum wird frei: „Das passiert immer öfter. Die Bäume sind nicht mehr geschützt vor dem Wind, weil die Baumdichte so gelitten hat“, erzählt Wagnsonner, „vor zwei Jahren war das hier noch tiefster Wald, jetzt stehen hier nur noch vereinzelt Bäume.“

In der Trockenperiode der letzten zwei heißen Jahre sind in den niederösterreichischen Wäldern Kahlflächen von 12.000 Hektar entstanden, schätzt die NÖ Landwirtschaftskammer. Das entspricht 25.000 Fußballfeldern. Steigende Temperaturen und fehlender Niederschlag schwächen die Bäume und begünstigen gleichzeitig die Lebensbedingungen für den mittlerweile gefürchteten Borkenkäfer.

„Vom Klimawandel werden in Niederösterreich nicht nur einzelne, sondern alle Personen betroffen sein.“ Herbert Greisberger, Leiter der Umweltagentur NÖ

„Der Käfer ist ja keine Neuheit, die Bäume sind einfach nicht mehr so widerstandsfähig. Außerdem bringt der Borkenkäfer mittlerweile vier Generationen pro Jahr hervor statt wie üblich zwei“, erklärt Franz Fischer, Obmann des NÖ Waldverbandes. Die Lebenserwartung der Bäume sinkt. Die kranken Bäume sollte eigentlich erst die nächste Generation Waldbesitzer umschneiden.

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Die geschwächten Bäume sind weniger widerstandsfähig gegen den gefürchteten Borkenkäfer.

Laut einer Studie der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) wird die Temperatur in Niederösterreich bis 2100 im Jahresdurchschnitt um 2,2 bis 3,9 Grad steigen. Trockenheit schwächt die Umwelt, der Niederschlag nimmt jedoch laut den ZAMG-Prognosen zu: „Der Niederschlag nimmt im Winter stärker zu als im Sommer. Außerdem ist der Regen oft lokal beschränkt und sehr intensiv. Diese Starkregenereignisse kann der Boden dann nicht aufnehmen“, erklärt Herbert Greisberger, Leiter der Umweltagentur NÖ. Trotz der vergangenen Regentage ist die Umwelt daher durch Trockenheit geschwächt.

Hitze in der Stadt, Starkregen am Land

Die geschwächte Umwelt betrifft aber nicht nur Landwirte, denn Pflanzen und allen voran Bäume erfüllen wesentliche Wohlfahrtsfunktionen für die Gesellschaft. Bäume produzieren Sauerstoff, spenden Schatten, befeuchten die Luft und haben eine kühlende Wirkung. Und das nicht nur durch Schatten. Die Verdunstungsleistung der Bäume entziehe tatsächlich Wärme aus der Luft. Im städtischen Raum tragen Grünflächen und Bäume wesentlich dazu bei, den Temperaturanstieg abzumildern, erzählt Gerhard Weber, der Badener Stadtgartendirektor.

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Durch die zurückgegangene Baumdichte sind die Bäume nicht mehr so gut vor dem Wind geschützt und stürzen immer öfter um.

„Studien haben gezeigt, dass es zum Beispiel zwischen der Wiener Innenstadt und dem Wienerwald einen Temperaturunterschied von bis zu 14 Grad gibt“, sagt Weber. Das Problem: auch urbane Brotbaumarten, wie Berg- und Spitzahorn, halten der Trockenheit nicht stand. „Vielfalt statt Einfalt“ lautet das Gebot der Stunde, im Wald und in der Stadt. „In so einer Situation wie jetzt waren wir noch nie, wir können nur versuchen, auf mehrere Baumarten zu setzen und zu sehen, wie sich diese entwickeln“, sagt der Waldbesitzer Fischer.

Der Bewässerungsaufwand sei nicht zu bewältigen und auch ökologisch nicht sinnvoll, daher werden Bäume, die resistenter gegen Trockenheit sind, sowohl das ländliche wie auch das urbane Landschaftsbild in Zukunft zeichnen.

Der Fortschritt des Klimawandels verdeutlicht: „Vom Klimawandel werden in Niederösterreich nicht nur einzelne, sondern alle Personen betroffen sein. Der Klimawandel lässt sich nicht isolieren“ rät Herbert Greisberger von der NÖ Umweltagentur, „sehr unterschiedlich ist die Ausprägung der Betroffenheit“.

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Herbert Wagnsonner steht nun vor der Herausforderung, seinen Wald trotz großer Verlustgeschäfte wieder neu zu bepflanzen.

In städtischen Gebieten sei man von der Zunahme der Hitzetage und Tropennächte stärker betroffen und einer starken gesundheitlichen Belastung ausgesetzt. In einer sogenannten Tropennacht sinkt die Temperatur nicht unter 20 Grad. Bisher gab es in Niederösterreich davon im Mittel nur 0,7 pro Jahr, bis 2100 prognostiziert die ZAMG bis zu 14 Tropennächte jährlich. In alpinen Regionen seien laut Greisberger Starkregenereignisse die größere Gefahr, da es häufig zu Überschwemmungen oder Schäden in der Landwirtschaft kommt.

Klimawandel kostet uns jedenfalls 350 Mio. Euro

Der Klimawandel belastet auch staatliche und betriebliche Kassen. Die NÖ Landesregierung rechnet mit „Klimakosten“ von bis zu 349 Millionen Euro. Das ist jedoch nur der Anteil an den kalkulierten Emissions-Strafzahlungen Österreichs. Das Climate Change Centre Austria erhebt derzeit Kosten des „Nicht-Handelns“ gegen den Klimawandel. Neben Landwirtschaft und Gesundheit werden dabei auch Kosten in Bereichen wie Katastrophenmanagement, Transport, Handel und Wasserversorgung kalkuliert.

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2018 betrug der Schadholzanteil der gefällten Bäume in NÖ knapp 60 Prozent. Der 10-jährige Mittelwert des Schadholzanteiles liegt bei knapp 25 Prozent, heißt es bei der NÖ Landwirtschaftskammer.