"Aus der Praxis lernen bringt Riesenvorteile". Harry Gatterer, Chef des Zukunftsinstituts Österreich, plädiert für einen breiteren Fokus bei der Lehrausbildung. Dazu zählen Einblicke in Unternehmensabläufe und Matura.

Erstellt am 25. November 2013 (14:48)
NOEN, Baldauf
Lehrlinge sollen nicht rein fachspezifisch ausgebildet werden, sondern zusätzlich Allgemeinwissen erwerben - denn einen Beruf fürs gesamte Leben wird es künftig kaum noch geben, meint Harry Gatterer.
NÖN: Es gibt die Möglichkeit, neben der Lehre auch die Matura zu machen. Ist das aus Ihrer Sicht ein zukunftsweisender Schritt?
Harry Gatterer: Das ist für mich sogar ein hochinteressanter Schritt, weil es ein bisschen mit dem Grundglauben aufräumt, dass man mit 14, 15, 16 Jahren schon wüsste, was man in seinem Leben alles machen will. Wenn man zumindest die Matura macht, hat man nachher viel mehr Möglichkeiten offen.

Ist das schon das Nonplusultra?
Ob das das Nonplusultra ist, weiß ich nicht. Was Wesentliches ist, dass wir junge Menschen nicht in dem Glauben ausbilden, dass sie das, was sie jetzt lernen, für die Ewigkeit tun. Die jungen Menschen müssen sich im Grunde auf eine Welt einstellen, in der sie öfter mal was anderes tun. Das heißt, dass Lehrlinge nicht nur total fachspezifisch ausgebildet werden, sondern dass sie breiter denken können.

Ein erlernter Beruf ist also nicht mehr bis ans Lebensende gedacht.
Genau. Und es ist total wichtig, sich das zu vergegenwärtigen.

"Einblick in das Gesamtunternehmen ist wichtig"

Muss dann auch die Berufsschulausbildung breiter werden?
Ich glaube, das muss auf jeden Fall breiter werden. Es ist auch etwas, das man in den Unternehmen erst lernen muss: Wenn sie heute einen Lehrling ausbilden, tun sie das vor allem in ihrem Fachbereich. Viel mehr Chancen geben sie den jungen Menschen, wenn sie ihnen aber auch Einblicke in das Gesamtunternehmen geben.
Das Schöne an der Lehre ist ja, dass sich junge Menschen relativ schnell mit Praxisthemen auseinandersetzen. Ich finde, das ist nach wie vor ein sehr toller Weg.

Besteht hier aber nicht auch die Gefahr, dass manche junge Menschen angesichts der zunehmend komplexer werdenden Welt unter die Räder kommen?
Wenn wir den Leuten nicht die Chance geben, dass sie sich in der Komplexität wohl fühlen, dann ist das tatsächlich gefährlich. Die Frage ist, wie man sich in der Komplexität wohl fühlt. Das ist dann der Fall, wenn man selbstsicher ist. Das ist das Wesentlichste.

Die Gesellschaft verändert sich, die Menschen werden älter. Wie wirkt sich das auf die Lehrberufe aus?
Wir brauchen in Zukunft ganz kluge Dienstleistungen rund um das Alter, die nicht automatisch Pflege bedeuten. Wir werden ja nicht alle viel kränker. Dienstleistungen also, die rund um Servicierung des Alltags gehen. Ähnlich ist es in der Technik. Wir brauchen nicht Leute, die programmieren können, sondern wir brauchen Menschen, die diese Anwendungen entwickeln können, die die Übersetzung in den Alltag leisten können. Die Leute, die nur an Technik denken, denken ganz wenig an Anwendung und an das, was die Menschen überhaupt brauchen. Die Arbeit entwickelt sich in Richtung Spezialisierung, in Richtung Ausdifferenzierung von Berufen. Das heißt, dass es eine immer größere Bandbreite an Berufen gibt – und das muss man in irgendeiner Form abbilden.

Die Lehre hat also weiterhin Zukunft?
Auf jeden Fall. Das ist im Grunde das Lernen aus der Praxis heraus fürs Leben. Man erlernt es nicht erst theoretisch und geht dann in die Praxis, man lernt es aus der Praxis heraus. Man muss den jungen Menschen die Chance geben, sich aus der Praxis heraus sehr breit aufzustellen und dann im Alter von etwa 24 oder 25 Jahren nochmals neu orientieren zu können.

Das Image der Lehre ist momentan sehr durchwachsen. Wird sich das ändern?
Ja, es ist sehr durchwachsen, weil manche sie für die unattraktive Variante für jene halten, die es nicht auf die Uni schaffen. Das ist fatal und total falsch. Ob es gelingt, dieses Image zu wechseln, kann ich nicht beantworten. Ich hoffe es sehr, weil dieses Image völlig falsch ist. Menschen, die aus der Praxis heraus lernen, haben später mal Riesenvorteile. Das muss man ihnen auch so mit auf den Weg geben.

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