„Berechtigte Kritik“. Analyse / Die Nahostexpertin Karin Kneissl aus Seibersdorf sprach mit der NÖN über die aktuelle Lage der Europäischen Union.

Erstellt am 13. November 2013 (12:00)
NOEN, Thomas Raggam
Nahost-Expertin Karin Kneissl. nFoto: Thomas Raggam
Von Anita Kiefer

„Die EU kam im deutschen und österreichischen Wahlkampf nicht vor, weil man wusste, damit kann man kein Leiberl reißen.“ Karin Kneissl, Nahostexpertin und Energieanalystin aus Seibersdorf, ist sicher: „Vor 20 Jahren hieß es, wer EU-kritisch ist, gehört zu den Älteren, Ungebildeten. Heute kommt Kritik von sehr gut ausgebildeten Personen, auch aus der Unternehmerschaft. Diese neue Qualität der Kritik an der EU sollte man nicht so einfach abtun.“

Entfremdung zwischen Verwalteten und Verwaltern

Egal ob man an „gewaltige Auflagen im Sanitärbereich“ für Unternehmen und Debatten wie in der Raucher- oder Ölkännchenthematik denkt, für Karin Kneissl steht fest: Was die Europäische Union betrifft, kommt es immer mehr zu einer Entfremdung zwischen Verwalteten und Verwaltern.

Anderes Beispiel: „Ich habe den Bologna-Prozess im Bildungsbereich als Lehrende mitverfolgt. Er hat zu einer Monokultur geführt. Die Austauschbarkeit ist hier zu viel des Guten.“

Aus diesen und vielen weiteren Gründen sieht die Expertin der im Mai 2014 anstehenden EU-Parlamentswahl mit Sorge entgegen: „Es gibt viele, viele Themen, die für Unsicherheit sorgen. Auf diese springen gewisse Parteien auf. Man überlässt Europa Parteien am rechten und linken Eck, die teilweise sehr berechtigte Kritik üben.“

„Italien wird völlig alleine gelassen“

In den vergangenen Wochen war die Flüchtlingskatastrophe vor der italienischen Küste Lampedusas omnipräsent in nationalen und internationalen Medien. Auch und gerade hier ortet Kneissl Versäumnisse der EU: „Da spielen sich seit Jahren fürchterliche Szenarien ab. In Italien hat sich eine tiefe EU-Kritik verfestigt. Das Land wird völlig allein gelassen mit der großen Küste. Für mich hatte Europa immer Mittelmeerdimension.“

In ihrem aktuellen Buch „Die zersplitterte Welt. Was von der Globalisierung bleibt“, greift Kneissl genau diese Fragen auf: Sie hat in akribischer Recherche den Untergang historischer Großreiche untersucht und geht der Frage nach, ob die westliche Welt ein ähnliches Schicksal ereilen wird.

Das Buch ist im Braumüller-Verlag erschienen.