Kurz am 1. Mai: „Kommen Sie einmal wieder“. Der Bundeskanzler besuchte als demonstrative Alternative zu den SPÖ-Aufmärschen ein Pflegeheim.

Erstellt am 01. Mai 2018 (14:16)
zVg

Er traf dort eine gebürtige Niederösterreicherin in Wien-Ottakring. Statt des Pflegeregresses stand einmal der Dank für die Arbeit der Pflegekräfte im Vordergrund.

Es ist selbst für einen mediengewandten jungen Regierungschef nicht leicht, der Masse der marschierenden Genossen der SPÖ am 1. Mai Parole zu bieten. Sebastian Kurz, seit Dezember des Vorjahres Bundeskanzler der ÖVP-FPÖ-Regierung, machte dies heuer im „Haus der Barmherzigkeit“ in Wien-Ottakring, dessen Träger auch in Niederösterreich vier Pflege- und Wohnheime führt.

In der Sozialeinrichtung stattete er dem Personal bei einem Rundgang Dank für deren Arbeit und Leistung ab. Eine der ersten Gesprächspartnerinnen war eine 81jährige gebürtige Niederösterreicherin aus Laa an der Thaya, die aber schon lange in Wien gewohnt hat und seit August des Vorjahres Heimbetreuung braucht.

„Ich kann in der Nacht nicht allein sein“, schildert die Pensionistin mit blau-gelben Wurzeln dem Bundeskanzler. Dieser ist nach einem Vier-Augen-Gespräch mit dem Direktor des Hauses, Christoph Gisinger, auf den Stationen unterwegs. Der Regierungschef plaudert, schüttelt  Hände und steht für Selfies zur Verfügung. Auch hier im Pflegeheim ist die Frau aus Laa an der Thaya trotz Rollator um möglichst große Eigenständigkeit bemüht. „I gib net nach“, verrät sie schmunzelnd im Gespräch mit NÖN. Mit dem Personal ist sie äußerst zufrieden. Noch „ein paar Jahre“ möchte sie hier („mir g’fallt’s da“) verbringen.

Dank und ein Geschenkkorb im Namen der Bundesregierung für das Personal

Kurz ist inzwischen bereits mit dem Pflegepersonal der Station im Gespräch. Als Gastgeschenk hat er in einem Korb „eine Kleinigkeit zum Naschen und zur Stärkung“, darunter gesunde Kerne und ähnliches,  mitgebracht und übergeben. „Vielen, vielen Dank im Namen der Bundesregierung für das, was Sie hier tun“, sagt er später bei der Überreichung des bereits dritten Korbes in einer anderen Station.

Dazwischen geht der Bundeskanzler zwischen zwei älteren Frauen in die Knie, um auf Augenhöhe mit den beiden reden zu können. „Kommen Sie einmal wieder!“, ruft ihm eine der beiden grauhaarigen Damen nach. Kurz bekundet Interesse für die Betreuung („Geht’s Ihnen gut?), als er  sich von Heimbewohner(in) zu Heimbewohner(in) durch den am Feiertagsvormittag wohl wegen des hohen Gastes gut besuchten Aufenthaltsraum begibt . Es ist ein 1. Mai-Termin ganz nach dem Geschmack der ÖVP-Kommunikationsabteilung: Fotos mit pflegebedürftigen, aber vielfach aufgeweckten Menschen, Posieren mit dem Stationspersonal vor laufenden TV-Kameras.

„Zu viel Regulierung“ – auch der Pflegebereich klagt über Bürokratie

Die Danksagungen für Menschen, die rund um die Uhr im Einsatz sind, wie das Pflegepersonal im „Haus der Barmherzigkeit“ finden dann auch in einer knappen Erklärung von Kurz vor Journalisten eine Fortsetzung. Selbst der Umstand, dass Hausherr Gisinger über „zu viel Regulierung“, wie Kurz erklärt, geklagt hat, passt ins türkis-blaue Regierungskonzept, überall in Österreich die Bürokratie abbauen zu wollen.

Das für Kurz leidige Thema Pflegeregress, dessen Abschaffung die ÖVP im Vorjahr noch mit dem damaligen Koalitionspartner SPÖ beschlossen hat, wird ausgeklammert. Dabei ist der Konflikt, dass die Bundesländer viel mehr als die von der Bundesregierung zugesagten 100 Millionen als Kostenersatz für den abgeschafften Pflegeregress fordern, einer der größten Störfaktoren der Harmonie in Türkis. Man erinnert sich an den Aussprach der 81jährigen aus Laa an der Thaya: „I gib net nach.“ Der könnte auch von einem Landespolitiker zum Pflegeregress stammen. Aber an diesem 1. Mai soll die Feiertagsruhe nicht gestört werden.