"Wir erkennen die Schwachstellen unserer Weltordnung". St. Pöltens Bischof Alois Schwarz spricht im NÖN-Interview über die Herausforderungen der Seelsorge in der Corona-Krise, die Pfarren als Netzwerke der Nachbarschaftshilfe und das Hoffnungspotenzial des christlichen Glaubens.

Von Daniel Lohninger. Erstellt am 24. März 2020 (06:38)
Diözesanbischof Alois Schwarz sieht die Coronakrise als Anlass für eine neue Lebensorientierung der Gesellschaft und eine lernfähige Veränderungsoffensive.
Erich Marschik

NÖN: Vor etwas mehr als einer Woche fand der letzte Gottesdienst mit der Gemeinde statt. Wie hat sich das geistliche Leben in den Pfarren seither verändert? 
Bischof Alois Schwarz:
In unseren Kirchen wird weiter gebetet und auch Hl. Messe gefeiert. Priester feiern allein, um das Wort Jesu beim letzten Abendmahl zu erfüllen: „Tut dies zu meinem Gedächtnis“ (1Kor 11,24). Priester, die in dieser Zeit die Messe feiern, handeln stellvertretend für alle, die nicht an der Eucharistiefeier teilnehmen können.  Die Messfeier ohne liturgischen Dienst oder wenigstens einen Gläubigen entspricht zwar nicht dem Ideal der gemeinschaftlichen Feier, die erfreulicherweise in den letzten Jahrzehnten weitgehend zur Selbstverständlichkeit geworden ist. Sie ist aber ausdrücklich „aus einem gerechten und vernünftigen Grund“ erlaubt. Die Priester gehen diesen Dienst für ihre Gemeinde mit mir, wofür ich sehr dankbar bin. Manche haben das Gebet in der Familie wiederentdeckt. Andere beten allein und verbinden sich so mit der großen Gemeinschaft der Gläubigen, die Gott anrufen und um seine Hilfe bitten. Pfarren zeigen sich erneut als lebendige Netzwerke, es entstehen Nachbarschaftshilfen, es wird aufeinander geschaut, es gibt viel Engagement. Nur gemeinsam lässt sich diese Zeit gestalten, es braucht große und kleine Gesten der Nächstenliebe und Solidarität. Wir müssen den Helferinnen und Helfern, den „Systemerhaltern“ danken. Wir dürfen aber auch die Not nicht übersehen. 

Seelsorge ist etwas sehr Persönliches. Wie sehr schmerzt es Sie, die direkte persönliche Kommunikation mit Menschen auf ein Minimum reduzieren zu müssen?
Seelsorge ist die von der Liebe Gottes getragene heilende und helfende Zuwendung zum Menschen. Gottverbunden und menschennah ist das Charakteristische von Seelsorge. Und da erleben wir heute viele neue Formen von Nähe und Hilfsbereitschaft: auch wenn wir einander nicht von Angesicht zu Angesicht begegnen, bleiben wir einander nahe. Seelsorge lebt von der Begegnung. Die modernen Medien ermöglichen uns hier ganz neue Wege eines persönlichen Gespräches, einer Anteilnahme und Nähe. Wir sind wie der Apostel Paulus schreibt, „den Augen fern, nicht dem Herzen“ (1Thess 2,17).  

Wie erleben Sie die Corona-Krise ganz persönlich, wie sehr hat Sie Ihr Leben verändert?
Als einer, der gerne mit den Menschen zusammenkommt, vermisse ich in der jetzigen Situation viel Begegnungen. Ich möchte aber nicht klagen, denn ich sehe wie erfinderisch die neuen Medien genutzt werden für Gespräche, besinnliche Texte, Fotos vom Frühling und Zusagen von Gebeten. Ich danke allen, die mir ihre Anliegen zum Beten mitgeben. Meine Aufgabe sehe ich jetzt im Dasein für die Menschen im Gebet, in der Feier der Hl. Messe für alle und in den telefonischen Kontakten. Auch über die sozialen Medien finden viele Menschen den Kontakt zu mir.

Wir werden als Kirche immer die Stimme für Menschen in Not erheben. Bischof Alois Schwarz über die Rolle der Kirche

Viele Menschen fürchten sich – vor der Krankheit selbst, vor dem Verlust Ihrer Lieben, aber auch vor dem Verlust des Arbeitsplatzes. Welche Botschaft haben Sie, die diesen Menschen die Angst nimmt?
Hinschauen und mit dem Herzen überlegen, was notwendig und helfend ist. Im Alltag Abstand halten und den Anweisungen unserer Bundesregierung folgen. Jeder kann dazu beitragen, sich schützen und dadurch anderen helfen. Den Ärzten und Pflegenden vertrauen. Sie wissen um die heilenden Kräfte in ihren helfenden Diensten. Wir können versuchen, der Sorge um den Arbeitsplatz mit neuen inneren Kräften begegnen. Es wird zudem eine große gemeinsame - gesellschaftliche, politische, soziale - Frage sein: Als Wirtschaftsbischof wird es die nächsten Monate auch gelten, Entwicklungen und Veränderungen im Blick zu haben, zu kommentieren, zu hinterfragen. In diesen Tagen entstehen neue Lebensmuster und wahrscheinlich auch neue Arbeitsfelder. Wie sozial sind unsere Wirtschaftssysteme? Werden wir ein neues Miteinander lernen? Wird der Glaube an Gott und seine heilende Zuwendung neu entdeckt? Ich traue mir hier keine Prognose zu. Klar ist: Wir werden als Kirche immer die Stimme für Menschen in Not erheben.

Der Glaube alleine wird aber wohl zu wenig sein. Welche Hebel sind es darüber hinaus, die bewegt werden müssen, um unserer Gesellschaft wieder Zuversicht zu geben?
Der christliche Glaube bietet viele spirituelle, ethische und auch politische Orientierungshilfen. Zuversicht entsteht dort, wo ich eine Veränderung wünsche und daran glaube, dass meine Mitmenschen und ich dazu in der Lage sind. Wir brauchen eine neue Lebensorientierung, eine lernfähige Veränderungsoffensive. Das ist eine gesellschaftliche Großleistung, die hier auf uns zukommt. Da, meine ich, hat das Christentum ein großes Hoffnungspotenzial: verlässliche Lebensregeln und gute Wegbegleitung können helfen, vor der Komplexität des Lebens nicht zu kapitulieren. Die Politik wird darin gefordert sein, für entsprechende Rahmenbedingungen zu sorgen.  

Das Dasein füreinander in den sozialen, gelebten Netzwerken unserer Pfarren hat sich nun als starke Rettungsleine der Nächstenliebe erwiesen. Bischof Alois Schwarz über die Welle der Hilfsbereitschaft im ganzen Land

Gibt es auch eine Chance, die Sie in der Corona-Krise sehen?
Das Dasein füreinander in den sozialen, gelebten Netzwerken unserer Pfarren hat sich nun als starke Rettungsleine der Nächstenliebe erwiesen. Kirche und Pfarre erfahren zudem die digitale Welt als Weg der Seelsorge, des Miteinander. Der viel besprochenen „Hass im Netz“ scheint beim riesigen Angebot christlicher, mitmenschlicher, einander zugewendeter Perspektiven plötzlich in Relation ganz klein.  

Werden wir die Veränderungen im Alltag als Überforderung erleben?
Wir lernen gerade einander besser kennen. Wir erkennen auch die Schwachstellen unserer Weltordnung, die Verletzbarkeit unseres ökonomischen Systems. Selbstverständlichkeiten zerbröseln uns gerade zwischen den Fingern. In den sozialen Medien trifft man auf die Sehnsucht nach einem neuen Miteinander. Die Welt wird jetzt von allen als ein „gemeinsames Haus“ erlebt. Eine Prognose wage ich nicht: Nun gilt es, diesen Weg gemeinsam zu gehen und auf alle und unser Gemeinwohl zu achten.