Korneuburger Startup will NÖ-Pflege revolutionieren. Kein Management, viel Autonomie und selbst-organisierte Teams: Das niederländische Pflegemodell Buurtzorg, das ein Startup in NÖ praktiziert, soll die Pflege in NÖ verbessern, die Kosten senken und vorallem den Pflegeberuf attraktiver machen. Ein Allheilmittel gegen den Pflegekraftmangel?

Von Norbert Oberndorfer. Erstellt am 28. Oktober 2020 (17:15)
Symbolbild
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„Ich habe Pflege studiert, um Menschen zu pflegen und nicht Computer“, sagt Pia Haider (30), diplomierte Pflegerin und Wundmanagerin. Nach vier Jahren im stationären Pflegebereich in Wien und Stockerau dockte Haider bei Cura Communitas (CuCo) an – einem Korneuburger Pflegedienstleistungs-Startup, das sich dem niederländischen Pflegekonzept Buurtzorg (auf Deutsch: Nachbarschaftshilfe) verschrieben hat. 

Damals wollte die junge Wienerin in ihrem Beruf "zurück zum Ursprung, weniger delegieren müssen, sondern das tun, was ich in der Ausbildung gelernt habe: Beziehungen zu den Klienten aufbauen." Das fand sie in Buurtzorg, einem Pflegemodell, das der Niederländer Jos de Blok im Jahr 2006 entwickelt hat. „In der mobilen Hauskrankenpflege geht es ja primär um den Beziehungsaufbau und um die Förderung der Selbstständigkeit“, sagt Haider. 

Heute betreut Haider mit zwei (bald drei) anderen Diplompflegerinnen (davon eine Wiedereinsteigerin) 16 Klientinnen und Klienten. Es werde langsam wie eine Familie, und das zeige ihr, dass das Konzept funktioniert, sagt Haider. „Wer passt zu welchem Patienten, war hat die Zeitresourcen und was braucht der Patient und die Patientin“, das seien die wesentlichen Fragen, die sie im selbst-organisierten Team miteinander besprechen.“ 

Wachsende Pflegebedürftigkeit und Einsamkeit

In Niederösterreich sind aktuell im Pflege- und Betreuungsbereich über 700 Stellen quer über alle Pflegeorganisationen nicht besetzbar. Der Pflegeberuf kämpft mit Imageproblemen: Psychisch und physisch anspruchsvoll, schlecht bezahlt und unregelmäßige Dienstzeiten. Das sind gängige Klischees rund um Pflegeberufe wie zuletzt eine Image-Studie einer NÖ-Pflegeorganisation auch zeigte.

Viele Junge brechen ab, wechseln in Management-Posten oder Coaching-Rollen. Auch die Pflege-Ausbildungsplätze werden nur langsam ausgebaut. Und die NÖ-Bevölkerung werde zunehmend älter, pflegebedürftiger und auch einsamer, sagt Wolfgang Huber, Geschäftsführer von CuCo und „Manager im Rückzug“, wie er im Gespräch betont. 

„Buurtzorg-Pflegekräfte stehen nicht unter Zeitlimits und sind nicht streng eingetaktet. Maximal zwei Personen betreuen eine Person, das ist extrem wichtig und Voraussetzung für eine Beziehung, die dringend notwendig ist“, sagt Huber. Die Autonomie und Selbstorganisation der gut ausgebildeten Buurtzorg-Pflegeteams, mit unterschiedlichen Fachschwerpunkten, erspare viele Kosten und wirke sich effektiv auf die Pflegebetreeuung aus. „Denn Beziehung ist nur effizient, sondern auch effektiv“, sagt Huber.

Ein Manager-Irrglaube der Pflege

Huber, der selbst geriatrischer Patient ist, weiß aus eigener Erfahrung, wie stark sich Bedürfnisse  und Zustände tagtäglich ändern können. Manager müssten in eine komplett neue Rolle schlüpfen. „Die Manager haben einen schweren Fehler gemacht: Zu glauben, dass oben entschieden wird und unten abgewickelt. Sie sollten heute mehr eine coachende Rolle einnehmen. Es braucht diplomierte Fachkräfte, die selbstständig entscheiden und fragen: Was machen wir heute? Wie geht’s Ihnen heute?", sagt Huber

27 Länder wie Deutschland, USA oder Japan wollen Buurtzorg als Pflegemodell übernehmen und angepasst an ihr jeweiliges Gesundheitssystem einführen. „In den Niederlanden ist Buurtzorg jedes Jahr unter den Top-3 der besten Arbeitgeber“, sagt Huber, „die müssen sogar Bewerber für Pflegestellen ablehnen, weil es viel zu viele sind.“

Das Land NÖ zögert noch

In Niederösterreich kämpft das Startup aktuell um die Anerkennung des Buurtzorg-Pflegemodells – und um öffentliche Fördermittel vom Land NÖ. „In Korneuburg sind wir in gutem Kontakt mit der Gemeinde – und werden für unsere Arbeit gelobt“, sagt Huber, „freiwillige Spender, der Fond Soziales Wien, die Forschungsförderungsgesellschaft Österreich, das Social Banking der Erste Bank - es gibt niemanden, der uns nicht fördern – außer dem Land Niederösterreich.“

Es geht dem jungen Korneuburger Pflegedienst-Startup um eine Änderung der Förderkriterien für sozialmedizinische und soziale NÖ-Betreuungsdienste. Aktuell werden primär große, österreichische Organisationen bevorzugt, sagt Huber, das sei EU-rechtswidrig und generell fragwürdig, wenn "kleine Startups keine Chance bekommen."

Nicht-qualifizierte Pflegekräfte aus Rumänien

Huber und sein Team fordern keine Veränderung der Dokumentation und werden das, was gesetzlich vorgeschrieben ist, natürlich auch umsetzen. „Das Einzige, was wir wollen, ist das uns und unserem Projekt eine Chance gegeben wird", sagt Huber.

Mehr zum niederländischen Pflegemodell Buurtzorg aus einem Gespräch mit Buurtzorg- Gründer Jos de Blok und eine Reaktion vom Land NÖ zur Kritik von Huber lesen Sie in der kommenden NÖN-Ausgabe.

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