Niederösterreich lehnt Schwedens Weg ab. Warum „genesen“ nicht „gesund“ bedeutet und was die NÖ-Mediziner seit März gelernt haben.

Von Norbert Oberndorfer. Erstellt am 20. Oktober 2020 (07:57)
Derzeit sind 127 Menschen in NÖ wegen Covid-19 im Krankenhaus, davon 26 auf Intensivstationen.
APA/Fohringer

Slowenien stellt das Contact Tracing ein, Tschechien bittet Bayern um die Vorbereitung von Spitalsbetten im Falle des Falles, und unsere Regierung verkündet verschärfte bundesweite Covid-19-Maßnahmen (siehe Infos unten: „Neue Maßnahmen“). In Niederösterreich waren am Montag 127 Menschen wegen einer Covid-Erkrankung in klinischer Behandlung, davon 26 Menschen auf Intensivstationen.

Mitten in der zweiten Welle angekommen, werde sich in den nächsten Wochen entscheiden, ob Österreich in ein exponentielles Wachstum rutscht (Anm: Tägliche Verdopplung der Neuinfektionen) oder eben nicht, sagen Bundeskanzler Kurz und Gesundheitsminister Anschober. Das österreichische Gesundheitssystem sei aber noch stabil.

Alles im Griff , signalisiert das Land. Dennoch müsse man aufpassen, meint Landeshauptfrau-Stellvertreter Stephan Pernkopf (ÖVP). „Die Corona-Zahlen gehen in vielen Ländern steil nach oben“, sagt Pernkopf. Er wolle nicht den „schwedischen Weg“ gehen und die „vielen Toten in Kauf nehmen“. Die Zahl der Covid-19-Toten in Schweden ist mit 6.000 siebenmal so hoch wie in Österreich. Von insgesamt 150 Intensivbetten in NÖ könnte man weitere 150 durch Umschichtungen aufstocken, sagt Pernkopf. Bei einer Zuspitzung müssten Planoperationen wieder verschoben werden.

Seit Beginn der Krise haben wir viel gelernt. Alle Ärzte. Weltweit“, sagt Harald Stingl, Primar am Landesklinikum Melk. Am Anfang habe niemand recht gewusst, was für eine Erkrankung das ist. Mit Februar trudelten die ersten Erfahrungsberichte aus China ein. Aus rund 240 Covid--Krankheitsgeschichten seit März allein in Melk habe die Medizin „viel dazugelernt“. Speziell zu Infektionsbeginn werden jetzt antivirale Medikamente wie Remdesivir eingesetzt. Diese Mittel sollen den Viruseintritt in die Zellen verhindern. In späteren Krankheitsphasen wird auch Cortison verabreicht. „Wir können so Patienten von der Intensiv fernhalten und sogar mehr Patienten in häuslicher Therapie halten“, sagt der Mediziner.

Sehr schwere Verläufe habe Stingl auch bei jungen Patienten unter 50 beobachtet. „Wir wissen nicht, ob Folgeschäden bleiben. ‚Genesen‘ heißt heute definitiv noch nicht ‚gesund‘“, sagt Stingl. Auch Jüngere klagen Wochen und Monate über Atemnot. An deren Lunge erkenne man alte Infektionsherde und Vernarbungen. „Das betroffene Lungengewebe wird nie mehr wie neu sein“, sagt Stingl.