Diskussion um „grottenschlechte“ Versorgung . Nach einem Ö1-Interview fühlen sich Ärzte von Patientenanwalt Gerald Bachinger angegriffen. Bachinger: „Es ist keine Kritik an den Hausärzten, sondern an der Versorgungsstruktur.“

Von Christine Haiderer. Update am 10. März 2020 (11:41)
Patientenanwalt Gerald Bachinger
NÖ Patienten- und Pflegeanwaltschaft

„Wir haben eine grottenschlechte Versorgung im niedergelassenen Bereich, was die Chronisch-Kranken betrifft“, sagte Patientenanwalt Gerald Bachinger am Freitag im Ö1-Mittagsjournal. Thema waren Erstversorgungsambulanzen.  

Bernhard Wurzer, Generaldirektor der Österreichischen Gesundheitskasse, hatte vorgeschlagen, in Krankenhäusern Erstversorgungsambulanzen einzurichten. Allgemeinmediziner würden sich hier um Patienten kümmern, die eigentlich keine Fachambulanzen brauchen. Damit könnten diese entlastet werden, obwohl mehr Patienten im Krankenhaus sind. Man könnte dafür auch mehr Personal in den Spitälern einsetzen.

Vor diesem Hintergrund betonte Bachinger auf Ö1, dass schon jetzt Patienten in die Ambulanzen strömen, aufgrund der längeren Öffnungszeiten sowie dem Eindruck, im Krankenhaus alles auf einmal und fachliche Qualität vorzufinden. Kritik übte Bachinger im Zuge dessen auch an der Versorgung von Diabetes-Patienten im niedergelassenen Bereich.

Ärzte wollen aus Wochenenddienst aussteigen

Eine Flut an Mails und Briefen an den Patientenanwalt war die Folge. Unter anderem auch ein offener Brief von Max Wudy, nicht allerdings in seiner Funktion als stellvertretender Obmann der Kurie der niedergelassenen Ärzte der NÖ Ärztekammer, sondern „als einfacher Landarzt“.

Patientenanwalt Gerald Bachinger
NÖ PPA

Er sieht Bachingers Aussagen als massiven Angriff auf die niedergelassene Ärzteschaft. Mit Folgen. „Die seit Jahren von der öffentlichen Hand gerade noch als notwendiges Übel geduldete niedergelassene Ärzteschaft im Kassensystem wird ob solcher Anschuldigungen ihr unbedanktes Engagement bald beenden und aus dem öffentlichen Gesundheitssystem aussteigen.“ Und: „Nach Ihrem Interview haben gar nicht so wenige Kolleginnen und Kollegen beschlossen, aus dem freiwilligen Wochenenddienst endgültig auszusteigen.“

Zu Bachingers Aussage, dass die Versorgung chronisch Kranker im niedergelassenen Bereich grottenschlecht sei, schreibt er: „Dem ist nicht so, noch nicht.“ Da die Versorgung dank des unendlichen Einsatzes aller Hausärzte und deren Mitarbeiter diese gerade noch aufrechterhalten würde. Wudy gibt Bachinger aber recht, dass das System, die Struktur grottenschlecht sei. Er kritisiert die niedrige Zahl an Kassenärzten im Vergleich trotz Bevölkerungszuwachses, die eingeschränkten Diagnose- und Therapiemöglichkeiten im niedergelassenen Bereich, die schikanöse Bürokratie usw.

Eine Flut an Mails

Die von Wurzer angedachte Verlagerung der Versorgung in den Spitalsbereich ist auch Thema eines Briefes an Patienten von den Hausärzten Sankt Valentins. Sie glauben, dass eine solche Maßnahme längere Wartezeiten, keine Visiten, zu lange Anfahrtswege ins Spital und Untersuchungen durch unterschiedlichen Ärzte mit sich bringen würde und fordern die Patienten auf, Briefe und Mails an Wurzer und Bachinger zu schicken.

Kritik kommt auch von seiten der Politik. „Es ist ein Skandal und ich verwehre mich gegen einen derartigen Rundumschlag gegen die niedergelassenen Ärzte in Niederösterreich“, übt Landesrat Gottfried Waldhäusl, zuständig für rechtliche Angelegenheiten von Gemeindeärzten. „Die Qualität der niederösterreichischen Hausärzte kann sich sehen lassen. Sie sind die Vertrauenspersonen der Niederösterreicher in ihrer Heimatregion, sehr häufig über viele Jahre bzw. ihr ganzes Leben lang der erste Ansprechpartner bei allen denkbaren Wehwehchen und Krankheiten“, betont er und fordert eine Entschuldigung.  

Ärztekammer weist Vorwürfe zurück

Genauso wie NÖ-Ärztekammer-Präsident Christoph Reisner und Vizepräsident Dietmar Baumgartner von der NÖ Ärztekammer. Reisner: „Diese Aussagen weisen wir klar zurück!“ Bachinger versuche seit Jahren die Arbeit der Ärzte schlecht zu machen. Baumgartner verweist auf das Projekt „Therapie aktiv“, im Rahmen dessen sich in allen Bezirken Niederösterreichs Ärzte um Diabetes-Patienten kümmern.

Gerade in Zeiten, die für die niedergelassene Ärzteschaft eine große Herausforderung darstelle, würden Ärzte tagtäglich bis an ihre persönliche Leistungsgrenze und darüber hinaus arbeiten, um für ihre Patienten da zu sein, wird betont. Einige Ärzte wollen nun den Bereitschaftsdienst nicht durchführen.

Bachinger: „Kritik an Struktur, nicht an Personen“ 

„Es ist keine Kritik an den Hausärzten, sondern an der Versorgungsstruktur - keinesfalls aber an Personen, die unter schlechten Rahmenbedingungen versuchen, ihr Bestes zu geben“, betont Bachinger. Studien würden zeigen, dass die Versorgung von Chronisch-Kranken im Vergleich mit anderen Ländern schlechter wäre.

So weist beispielsweise Österreich die höchste Amputationsrate nach Diabetes-Komplikationen auf. Wie OECD-Daten von 2015 zeigen. Hier brauche man neue Ansätze. Eine Begleitung der Betroffenen ausschließlich im niedergelassenen Bereich wäre zu wenig. Übrigens würden nur 35 Prozent der Kassenordinationen an „Therapie aktiv“ teilnehmen. Besser funktionieren würden Modelle, die - von beiden Seiten finanziert - zwischen niedergelassenem und Spitals-Bereich angesiedelt sind.

Was den Vorschlag der Erstversorgungsambulanzen betrifft, meint Bachinger darüber hinaus: An Orten, wo seit Jahren keine kassenärztliche Versorgung stattfinde, müssten andere Modelle überlegt werden.

Update: NÖ Ärzte sollen sich Arbeit nicht schlechtreden lassen

Der Präsident der Kammer, Christoph Reisner, äußerte am Dienstag in einer Aussendung zwar Verständnis für den Ärger, appellierte aber dennoch an die Allgemeinmediziner: "Gerade jetzt brauchen uns die Patientinnen und Patienten", die hier schuldlos zum Handkuss kämen.

Dienst nach Vorschrift sei in dieser Situation keine Lösung, betonten Reisner und Vizepräsident Dietmar Baumgartner, der auch Kurienobmann der niedergelassenen Ärzte ist. "Die Menschen wollen den niederschwelligen Zugang zum Gesundheitssystem, kurze Anfahrtswege und vor allem schätzen sie, dass ihr persönlicher Arzt sie und die familiäre Situation kennt und falls notwendig auch Visiten macht. Diesen Luxus kann nur die niedergelassene Ärzteschaft bieten." Die Forderung nach einer Entschuldigung des Patientenanwaltes hielt die Kammer aufrecht.