Keine Autobahn fürs Waldviertel

Die Europaspange wird nicht gebaut. Stattdessen will der Bund und das Land bis zum Jahr 2035 insgesamt 1,8 Milliarden in Bahn- und Straßenprojekte im Wald- und Weinviertel investieren. Die Waldviertel-Autobahn würde "zu spät" kommen und "wirke überwiegend nur überregional", heißt es vom Land.

Norbert Oberndorfer
Norbert Oberndorfer Aktualisiert am 22. Dezember 2020 | 14:29
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Nach jahrelangen Diskussionen ist es jetzt fix: Das Waldviertel bekommt keine Autobahn.
Foto: APA

Nach jahrelangem Hin und Her ist es ein Paukenschlag zum Ende des Jahres: Die Waldviertel-Autobahn wird nicht gebaut. Das endgültige Aus der Spange, die quer durch das Waldviertel verlaufen und zur Achse zwischen der Nord/Weinviertel-Autobahn und der Mühlkreis-Autobahn werden sollte, verkündeten Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) und Infrastruktur-Ministerin Leonore Gewessler (Grüne).

Stattdessen werden der Bund 1,35 Milliarden Euro in den Bahn-Ausbau und das Land 440 Millionen Euro in Straßeninfrastruktur-Projekte in Niederösterreich investieren. Dieses "Milliardencommitment" (Mikl-Leitner) und diese "Allianz zwischen Land und Bund“ (Gewessler) soll im Wein- und Waldviertel die "Lebens- und Wohnqualität" und den Wirtschaftsstandort sichern und attraktivieren. "Es geht um den langgehegten Wunsch der Bevölkerung, die Belebung und Erreichbarkeit zu forcieren", sagt Mikl-Leitner bei der Präsentation des "Mobilitätskonzepts Nördliches Niederösterreich".

Die nun geplanten Vorhaben seien im Vergleich zur Autobahn "um viele Jahre schneller umsetzbar" und würden "noch bessere Anbindungen für die Menschen in der Region" bringen. Das Ziel laute, mit "bequemen Öffis schnell von A nach B" zu kommen, fügt Gewessler hinzu. "Und das in Gmünd genauso wie in St. Pölten."

Neu: Direktanschluss der Franz-Josef-Bahn an Westbahnstrecke

 

Bahn- und Straßen-Infrastrukturprojekte im Wald- und Weinviertel
NÖ-Infrastrukturprojekte im Wald- und Weinviertel
Land NÖ

Konkret sollen 1,35 Milliarden Euro in den Ausbau der Schienen von der Franz-Josefs-Bahn, der Laaer Ostbahn und anderen Strecken fließen (siehe Grafik). Neu ist der Direktanschluss der Franz-Josef-Bahn an die Westbahnstrecke über Tulln. Damit ist der Flughafen Schwechat von Gmünd aus über den Hauptbahnhof in 2 1/2 Stunden Fahrzeit zu erreichen. Auch neu ins Programm aufgenommen wird der Ausbau der Nordwestbahn von Retz nach Wien sowie der Laaer Ostbahn. Diese Vorhaben sollen bis 2032 abgeschlossen werden.

440 Millionen Euro werden in den Ausbau der Landesstraßen investiert. 220 Millionen Euro fließen in bereits geplante Straßenbau-Infrastruktur-Projekte, der Rest sind neue Projekte. Mit dem Geld sollen neue Umfahrungen,  Überholspuren und Bestandsverbesserungen "auf allen wichtigen Achsen in den Nordwesten" durchgeführt werden. Starten sollen diese bis 2026. 

Folgende Verbesserungen entlang dieser Bundesstraßen im NÖ-Landestraßennetz sind geplant:

  • B2 zwischen Guntersdorf, Horn, Schrems, Staatsgrenze: Umfahrungen Platt, Mittergrabern, Brunn/Wild, Scheideldorf sowie Stögersbach oder die Spurzulegungen Wild und Wildhäuser, Allwanger Spitz sowie Vitis-Schrems. (90 Mio. Euro)
  • B4 zwischen Stockerau und Horn: Umbau der Anschluss-Stelle Stockerau-Nord, Spurzulegungen bei Zissersdorf, Niederrussbach, Heldenberg, Harmannsdorf und Mörtersdorf. (40 Mio. Euro)
  • B36 zwischen Zwettl und Waidhofen a. d. Thaya: Spurzulegung Vitis-Waidhofen/Thaya oder Bestandsverbesserungen im Bereich Pöggstall-Zwettl. Prüfung vorgezogene Maßnahmen für die Umfahrung Großglobnitz-Kleinpoppen im Jahr 2021. (25 Mio. Euro)
  • B37 zwischen Zwettl und Krems: Sicherheitsausbau Gneixendorfer Berg, Anschluss-Stelle Gneixendorf Süd, Umbau Kreuzung Rastenfeld sowie Spurzulegungen zwischen Rastenfeld-Rastenberg und Stausee-Friedersbach Ost ( 25 Mio. Euro)
  • B38 zwischen Zwettl und OÖ-Landesgrenze: Umfahrung Merzenstein sowie Spurzulegungen zwischen Langschlag-Karlstift-Landesgrenze (25 Mio Euro)
  • B41 zwischen Schrems und Karlstift: Kreuzungslösungen bei Groß Dietmanns oder Spurzulegungen bei Groß Dietmanns und Gmünd, u.a. Kreuzungslösungen, Spurzulegungen (15 Mio. Euro)

„Mit diesem umfassenden Ausbaupaket für den öffentlichen Verkehr, sorgen wir dafür, dass die Menschen im Waldviertel und im Weinviertel eine möglichst gute Verkehrsanbindung haben“, sagt Klimaschutzministerin Gewessler.

"Haushalte werden innerhalb einer 60-minütigen Pendlerdistanz gegründet"

Anfang 2019 war für das unter dem Arbeitstitel "Europaspange" Großvorhaben eine sogenannte Strategische Prüfung Verkehr eingeleitet worden. "Eine Prüfung, die bewusst ergebnisoffen gestaltet war und die erstmals öffentlichen Verkehr und Pkw-Verkehr gemeinsam betrachtet hat", sagt Mikl-Leitner. "Für die Zukunft des Waldviertels werden wir in der Verkehrsinfrastruktur einem breiten, flächendeckenden Fundament den Vorzug geben, anstatt einer Autobahn", resümierte die Landeschefin.

Der Bau einer Autobahn im Waldviertel komme "zu spät" (frühester Baubeginn: 2045) und sei nicht effektiv genug, um zur Attraktivierung des Waldviertels (Stichwort: Laufende Abwanderung, Sicherstellung der Lebensqualität) beitragen zu können, heißt es von den Prüfern. "Die Autobahn wirkt tendenziell überregional, geht nicht in die Fläche und  ist selektiv-günstig für einzelne Wirtschaftssektoren wie überregionalen Güterverkehr", sagt Thomas Knoll, Landschaftsarchitekt und Verfasser des Ergebnispapiers "Programm Europaspange" der Strategischen Prüfung Verkehr.

Die Studienautoren identifizierten mit Hilfe einer Lebenskreisanalyse 31 unterschiedliche "Impulse", die eine Haushaltsgründung beeinflussen.  Menschen bewegen sich in den Bereichen Leben, Wohnen, Arbeiten und Bildung einerseits in einer 15-Minuten-Distanz (z.B.: Post, Supermarkt) und andererseits innerhalb einer 60-Minuten-Distanz (z.B.: Arbeit, Schule). "Haushalte werden nur innerhalb einer 60 minütigen, täglichen Pendlerdistanz gegründet", sagt Knoll. Das sei damit eine "Volksabstimmung  mit Füßen". Die Autoren kamen zum Schluss, dass zusätzliche Impulse wie der Ausbau des Landesstraßenverkehrsnetz, der Öffis, die Stärkung der Ortskerne zur "Erhaltung einer hohen Lebensqualität" im nördlichen Niederösterreich und für eine Stabilisierung des Bevölkerungsdrucks (Abwanderung) beitragen kann. 

Aktuell verzeichnen einzelne Bezirke im nördlichen Niederösterreich Abwanderungsraten von einem Prozent pro Jahr. "Wenn die Autobahn fertig wäre, würden wir daher schon 10-15 Prozent der Bevölkerung verloren haben", resümiert Knoll.