Othmar Karas: "Ich bin Gemeinderat in Europa". Othmar Karas, VP-Bundesspitzenkandidat und gebürtiger Ybbser, über Werkzeuge, Grundhaltungen, Konkurrenten und Kapitänsschleifen.

Von Walter Fahrnberger und Michaela Fleck. Erstellt am 14. Mai 2019 (01:58)

NÖN: In nicht einmal zwei Wochen wird in ganz Europa gewählt. Worum geht’s da? Um alles?

Othmar Karas: Das ist aus meiner Sicht deshalb eine Richtungsentscheidung, weil die Europäische Union von außen und von innen gefährdet ist. Es ist eine Richtungsentscheidung zwischen jenen, die die EU stärken wollen, und jenen, die sie spalten wollen. Das ist die entscheidende Frage: Miteinander oder Schuldzuweisungen.

Für eine Richtungsentscheidung ist das Interesse traditionell recht mager. Bei der letzten Wahl zum Europaparlament 2014 gingen nur 45,39 Prozent wählen. Was ist, wenn am 26. Mai tatsächlich keiner hingeht?

Karas: Das hat ja mehrere Ursachen. Es ist leider so, dass die Arbeit des Europäischen Parlaments wenige Wochen vor der Wahl in Österreich, in unseren Parteien, aber auch in den Medien mehr Rolle spielt als in den fünf Jahren der Arbeit. Zweitens ist das Europäische Parlament unser Parlament. Eigentlich bin ich Gemeinderat in Europa! Es geht für mich um die Fragen: Was ist uns 70 Jahre Friede wert? Was ist uns die offene Grenze wert? Was ist uns die gemeinsame Währung wert? Wenn wir vermitteln, dass das Europäische Parlament genau die gleiche Rolle gegenüber dem Bürger hat wir der Gemeinderat, der Landtag und der Nationalrat, dann würden wir uns leichter tun bei der Wahlbeteiligung.

Sie sind ja nicht nur im Wahlkampf sehr viel in Niederösterreich unterwegs. Ist die Wahrnehmung der EU in den letzten fünf Jahren eine andere geworden?

Karas: Ich glaube, dass der Brexit sehr vielen die Augen geöffnet hat. Das hoffe ich zumindest! Es gibt auch europaweit eine Untersuchung, nach der die Zustimmung so stark ist, wie wir sie das letzte Jahrzehnt nicht hatten. Trotzdem haben wir gleichzeitig eine Entwicklung, wo es Sorgen und Ängste gibt. Die muss man ernst nehmen. Ich bin sehr dagegen, die Menschen damit alleine zu lassen.

Themen, die nur Europa lösen kann, gäbe es ja genug. Und doch kochen von den derzeit noch 28 EU-Mitgliedern immer mehr lieber ihr eigenes Süppchen. Ist das unserer Zeit geschuldet?

Karas: Ich wäre sehr vorsichtig bei der Frage ‚geschuldet‘, das klingt wie eine Entschuldigung. Ich bin nicht in die Politik gegangen, um mich dafür zu entschuldigen, was nicht geschieht, sondern um Verantwortung zu übernehmen. Ich will die EU reformieren. Daher sind meine Koalitionspartner keine Parteien, sondern die Menschen. Und mein Adressat ist die Zukunft.

Ist das auch der Grund, warum im EU-Parlament mehr lösungsorientiert und weniger parteipolitisch gearbeitet wird?

Karas: Europa heißt Zusammenarbeit über Länder- und Parteigrenzen hinweg. Es gilt zu unterscheiden zwischen Parteiprogramm und Grundhaltungen. Meine Grundhaltung ist: Ich bin ein Verfechter der parlamentarischen Demokratie. Ich bin ein Verfechter der Rechts- und Wertegemeinschaft der EU. Und ich bin ein Christdemokrat.

Und was sind Ihre Werkzeuge?

Karas: Meine Werkzeuge sind die Bürgerinnen und Bürger, die Vorzugsstimmen, das Mandat und meine Fähigkeit, auf Andersdenkende zuzugehen.

Zurück zu den christlichen Wurzeln. Die ÖVP steht zwar auf Ihren Wahlplakaten. Und die steht, mit 26,98 Prozent bei der letzten EU-Wahl, auch ganz oben auf dem Stimmzettel. Angetreten wären Sie aber auch ohne die ÖVP.

Karas: Ich trete an, damit ich das, was ich für richtig und notwendig halte, mehrheitsfähig mache. Es gibt keinen ÖVP-Politiker derzeit und österreichweit, der länger den Europakurs der Volkspartei mitgeschrieben und umgesetzt hat. Mein Rückhalt waren immer die ÖVP und die Bürger. Daher habe ich nie auch nur eine Sekunde daran gedacht, für eine andere politische Partei zu kandidieren – obwohl ich sehr viele Angebote hatte. Ich habe lange darüber nachgedacht, ob ich aufhöre, etwas anderes mache. Aber ich will mit der ÖVP die Wahl gewinnen!

Ist das Vorzugsstimmenmodell für Sie persönlich ein Nachteil, für die Partei aber ein Vorteil?

Karas: Das werden wir nach dem Wahltag sehen. Das Vorzugsstimmensystem, wie wir es jetzt haben, ist total neu. Das macht es für den Bundesspitzenkandidaten nicht leichter, weil alle Bundesländer eigene Kandidaten bewerben. Daher werde ich auch nicht mehr so viele Vorzugsstimmen bekommen.

Was ist für Sie dann ein Wahlerfolg am 26. Mai?

Karas: Erster in Niederösterreich, Erster in Österreich, Erster im Europäischen Parlament – und Vorzugsstimmensieger.

Wer ist Ihr größter Konkurrent?

Karas: Die Lethargie und die Teilnahmslosigkeit.

Was machen Sie in fünf Jahren im nächsten EU-Wahlkampf?

Karas: Das kommt darauf an, wie wir es schaffen Europa weiterzuentwickeln. Ich glaube, es gibt genug zu tun!

Und was machen Sie am 27. Mai?

Karas: Hoffentlich ausschlafen! Und ich werde sofort an den nächsten Tag denken ...