Leonore Gewessler: „Wir fahren auch in Zukunft Auto“. Klimaschutzministerin Leonore Gewessler im NÖN-Exklusiv-Interview über E-Autos, Schnellstraßen und Öffis.

Von Daniel Lohninger. Erstellt am 05. August 2021 (05:51)
Leonore Gewessler
Leonore Gewessler im NÖN-Gespräch: „Wir müssen die Art, wie wir uns fortbewegen, verändern.“
Marschik

NÖN: Ihre Ankündigung, die Schnellstraßen-Projekte zu evaluieren, hat in NÖ für große Aufregung gesorgt. Droht das Ende des einen oder anderen Projektes?

Leonore Gewessler: Wir evaluieren gemeinsam mit der ASFINAG das Bauprogramm. Die Frage, die wir stellen müssen: Sind Projekte, die wir vor 10, 20 Jahren geplant haben, heute noch klug? Denn die Rahmenbedingungen haben sich geändert. Die Klimakrise ist in Österreich angekommen, und wir sehen und spüren ihre Auswirkungen deutlich. Unsere Sommer werden heißer, den Bauern verdorrt die Ernte auf ihren Feldern. Das müssen wir auch beim Bau unserer Infrastruktur bedenken. Die Evaluierung der Neubauprojekte läuft noch bis Herbst. Ich werde dem Ergebnis aber nicht vorgreifen, sonst bräuchte es ja keine Evaluierung.

Sie wollen den Umstieg vom Auto auf Öffis forcieren. Wie soll das in Niederösterreich gelingen?

Gewessler: Damit uns der Kampf gegen die Klimakrise gelingt, müssen wir auch die Art und Weise, wie wir uns fortbewegen, verändern. Das bedeutet: mehr Öffis, mehr Zufußgehen und Radfahren. Mit dem ÖBB-Rahmenplan zum Beispiel investieren wir in den kommenden fünf Jahren 17,5 Milliarden Euro in neue Bahnhöfe, bessere Schienen und häufigere Taktungen von Zügen. Denn Bus, Bim und Bahn sollen das bequemste und einfachste Verkehrsmittel der Wahl sein. Damit die Menschen noch mehr Öffi fahren, braucht es natürlich auch ein günstiges und bequemes Ticket – mit dem 123-Klimaticket schaffen wir das heuer noch. Mit Niederösterreich habe ich 2020 ein umfangreiches Paket zum Öffi-Ausbau geschnürt: Wir werden zum Beispiel die Franz-Josefs-Bahn attraktiveren, die Kremser Bahn ausbauen und die Kapazitäten auf der Nordwestbahn erweitern. Und wir werden natürlich auch in Zukunft überall dort, wo wir es brauchen, mit dem Auto unterwegs sein. Aber eben mit sauberen E-Autos.

Sebastian Kurz warnte vor einem Rückfall in die Steinzeit, Sie sagen, Klimaschutz sei ohne Verzicht nicht möglich. Auf was müssen wir in 20 Jahren verzichten?

Gewessler: Es gibt eines, worauf ich nicht verzichten will: auf die Zukunft unserer Kinder. In Wirklichkeit geht’s doch darum, Veränderung zu gestalten, damit uns der Kampf gegen die Klimakrise gelingt. Und ich bin dafür, dass wir das so machen, dass wir alle davon profitieren. Mit sauberer Luft, mit einer schönen, intakten Natur.

Ab 2030 kommt Strom nur mehr aus erneuerbaren Energien. Wie soll das gelingen?

Gewessler: Mit dem Erneuerbaren Ausbau Gesetz setzen wir die Rahmenbedingungen, dass wir uns ab 2030 keine Gedanken mehr darüber machen müssen, woher unser Strom kommt und ob er vielleicht unser Klima kaputtmacht. Wir können dann sicher sein, dass unser Strom zu 100 Prozent aus Sonne, Wind, Wasser oder Biomasse stammt. Dafür werden wir die Erneuerbaren massiv ausbauen – mit PV-Anlagen auf unseren Dächern und neuen Windrädern zum Beispiel.