„Genau hinhören, was er meint!“. Interview / Radio-Vatikan-Journalistin Gudrun Sailer über den neuen Papst Franziskus.

Erstellt am 17. März 2013 (16:38)
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Von Martin Gebhart

NÖN: Wird in Rom um die Person des neuen Papstes Franziskus noch viel gerätselt?
Sailer: Auf jeden Fall, weil man ja kaum etwas von ihm weiß. Kardinal Schönborn hat etwa in einem Pressegespräch gesagt, er kenne ihn eigentlich theologisch nicht gut genug, er habe noch nie etwas von ihm gelesen. Das müssten jetzt alle miteinander nachholen. Herausfinden kann man, wie er als Kardinal Bergoglio in Buenos Aires seine Diözese geführt hat. Und da kommt zum Vorschein, dass er ein Papst der Armen ist, dass er für eine Kirche der Armen eingetreten ist.

Was sagen Sie dazu, dass er sofort als „konservativ“ bezeichnet worden ist, weil er etwa gegen die Homo-Ehe aufgetreten ist?
Das ist für mich eine von diesen Kasten, wo dann sofort irgendwie eine ganze Latte von Eigenschaften herunterprasselt, und man hört gar nicht mehr zu, was tatsächlich geredet wird. Konservativ, progressiv, was taugen diese Etiketten noch. Ich hoffe immer noch, dass das ein Papst ist, der uns über diese in Säkulargesellschaften geborenen Etiketten hinaushebt, weil die einfach nicht mehr tragen. Gerade wenn man gegenüberstellt seine Einstellung zu gesellschaftsmoralischen Fragen zu seinem Engagement für die Armen, wo er sehr progressiv ist, dann zeigt sich, dass das eigentlich so nicht taugt. In einem ist er konservativ, im anderen progressiv. Das bringt uns nicht weiter. Was uns weiterbringt, ist wirklich genau hinzuhören, was er meint.

Was erwarten Sie sich persönlich vom neuen Papst Franziskus?
Ich bin gespannt darauf, wie er sein Amt interpretiert. Jeder Papst hat einen Spielraum, was zum Beispiel die Kollegialität mit anderen Bischöfen betrifft. Allein die Tatsache, dass er als Bischof von Rom und nicht als Papst auftritt, und er die Bischöfe darauf einschwört, dass es ein gemeinsamer Dienst und nicht ein gemeinsames Regieren ist, weil auch der Bischof von Rom der Diener Gottes ist. Das ist eine Auffassung, die er – glaube ich – mit neuem Leben erfüllt. Und ich erwarte mir, dass es in dieser Richtung weitergeht. Obwohl ich es nicht sagen kann, weil ich den Papst noch immer nicht gut genug kenne.
 

ZUR PERSON

Gudrun Sailer (43) stammt aus St. Pölten, besuchte in der Landeshauptstadt die Schule ehe sie an mehreren Universitäten studierte. Seit 2003 ist sie Redakteurin im deutschsprachigen Dienst von Radio Vatikan in Rom.