Mehr Studenten gegen Ärztemangel. Die Zugangsbeschränkungen zum Studium und die ungeklärte Finanzierung der Lehrpraxis brauchen Lösungen.

Von Christine Haiderer. Erstellt am 26. September 2017 (03:00)
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14 neue Hausärzte, sechs neue Fachärzte und drei neue Zahnärzte gibt es in Niederösterreich. Von Quartal zu Quartal besetzt die NÖ Gebietskrankenkasse nach Hearings mit der Ärztekammer NÖ und der Landeszahnärztekammer NÖ Planstellen nach.

Dennoch gibt es unter den insgesamt 1.734 Planstellen auch offene Stellen. Derzeit 22. „Wir haben jetzt nur punktuell einen Mangel“, so NÖ-Ärztekammerpräsident Christoph Reisner. „Aber der Trend wird sich fortsetzen.“

Warum? „Rund ein Viertel der Allgemeinmediziner ist 60 plus.“ Sie werden bald in Pension gehen. Und: Es kommen nur wenige junge Ärzte nach.

Woran das liegt? „Es gibt nicht den einen Hauptgrund. Es ist vielschichtig.“

Problem: Zugangsbeschränkungen.

Bei der Aufnahmeprüfung zum Medizinstudium werde Wissen abgefragt, nicht aber, wie der Bewerber mit Menschen umgehe, wie gut er sich in einen Ort integriere, kritisiert Reisner. Und so studieren viele, die später nicht Arzt werden. Man solle die Zugangsbeschränkungen aufheben oder verändern – und Österreichern die Studiengebühren refundieren.

„Wir brauchen mehr medizinische Studienplätze!“, betont Landeshauptfrau-Stellvertreter Stephan Pernkopf. Immerhin gibt es für nur 1.600 Studienplätze in Österreich 16.000 Interessenten. Man könne Studienplatzbeschränkungen auch bei anderen Studienrichtungen einführen und die so frei werdenden Ressourcen zur Medizin verschieben. Heuer schafften 180 junge Niederösterreicher die Aufnahmeprüfung. Unterstützung gibt es vonseiten des Landes in Form von Vorbereitungskursen.

Wer die Arbeit in den NÖ Landeskliniken kennenlernen möchte, kann das klinisch-praktische Jahr hier absolvieren. „Dazu stellen wir heuer 384 Ausbildungsplätze zur Verfügung“, so Pernkopf, der übrigens auch die Aufwertung des Hausarztes zum Facharzt für Allgemeinmedizin und Landarztstipendien fordert – ein Stipendium für Studierende, die sich ähnlich wie in Deutschland dazu verpflichten, nach dem Studium in NÖ zu arbeiten.

Problem: Lehrpraxis.

Anders als in den Krankenhäusern war es für Studierende bisher schwierig, die Arbeit des Hausarztes kennenzulernen und damit auch, sich dafür zu entscheiden. Das soll durch die – im Rahmen der neuen Ausbildung verpflichtenden – Lehrpraxis möglich werden. Allerdings: „Die Finanzierung für die Lehrpraxis ist nicht gelöst“, so Reisner. Und das, obwohl die ersten Studierenden im Frühling damit starten.

„In der Lehrpraxis sammelt man Erfahrungen, die man im Krankenhaus nicht sammeln kann.“ Es sei eine persönliche Bereicherung, als Hausarzt zu arbeiten, so Reisner. Man erlebe auf zwischenmenschlicher Ebene äußerst positive Erfahrungen. Viele Studierende würden diese Aspekte jedoch nicht kennen, sondern nur die Probleme. Wie die Limitierung von Leistungen und die Chefarztpflicht.

Problem: Land.

Welche Herausforderungen zudem am Land dazukommen? Räumlichkeiten seien im ländlichen Bereich oft schwierig zu finden, so Reisner. Gemeinden könnten aber Räumlichkeiten für die Ordinationsgründung bereitstellen, wie in den 1970er-Jahren. Und die seit Jahren unter anderem als wesentliche Einnahmequelle für Landärzte heiß diskutierten Hausapotheken? Wie sehr sind sie ein Problem? Sie seien ein Teil davon, aber nicht schuld daran, so Reisner.

Ähnlich sieht es NÖ-Zahnärztekammerpräsident Hannes Gruber: „Gemeinden und Bürgermeister müssten Kollegen Räume mit niedrigen Mieten zur Verfügung stellen.“ Vor allem aber kommt es bei Zahnärzten zu Problemen bei der Nachbesetzung, „weil der Kassenvertrag veraltet ist“, glaubt Gruber. Dieser ist von 1957.

Die Tarife sind zwar gestiegen, aber sie enthalten Leistungen, die es gar nicht mehr gibt. Dazu kommt das mittlerweile eigenständige Zahnmedizin-Studium. Früher hatten Medizinstudenten Jahre Zeit, bis sie sich für eine Fachrichtung – inklusive Zahnmedizin – entscheiden mussten. Das geht nun nicht mehr. „Mit 18 Jahren wissen viele noch nicht, ob sie Zahnarzt werden wollen, einige Jahre später vielleicht schon.“

Problem: neue Anforderungen.

„Die junge Generation ist mobiler geworden“, so Reisner. Es gebe viele, die ins Ausland gehen. Und: Viele, die aus dem Ausland kommen und dorthin zurückkehren. Und: Viele seien nicht bereit, einen Betrieb zu führen, sondern würden lieber angestellt sein.

Eine bessere Work-Life-Balance bieten Gruppenpraxen mit zwei oder mehreren Medizinern. Sie helfen auch, Betriebskosten zu senken. „Die Gruppenpraxis hat sich in Niederösterreich als echtes Erfolgsmodell etabliert“, freut sich NÖGKK-Obmann Gerhard Hutter. 110 davon gibt es bereits.

Und: „Die NÖGKK arbeitet auch durch Initiativen wie die Schaffung von Nachfolgepraxen, der Möglichkeit einer erweiterten Stellvertretung und der Anhebung der Honorare daran, dass der Kassenarztberuf in Niederösterreich attraktiv bleibt.“